Donnerstag, 18.09.2025
16:30 - 18:00
05.03.09
(Raum 1)
S31
Zusammenhänge von Altersbildern und Alterserleben mit objektiven und subjektiven Indikatoren von mentaler und körperlicher Gesundheit
Moderation: A. Kornadt, Esch-sur-Alzette/L
Das individuelle Erleben des Alters und Älterwerdens, sowie Vorstellungen davon, sogenannte Altersbilder, werden mit einer Vielzahl gesundheitsbezogener Variablen in Verbindung gebracht. Üblicherweise zeigen sich Zusammenhänge von positivem Alterserleben und Altersbildern mit besserer körperlicher und mentaler Gesundheit. In diesem Symposium stellen wir aktuelle Forschung vor, die eine Vielzahl von multidimensionalen Operationalisierungen sowohl von Altersbildern als auch von objektiver und subjektiver Gesundheit, sowie dynamische inter- und intraindividuelle Zusammenhänge über längere und kürzere Zeitintervalle untersucht.
Gehring und Kolleg:innen zeigen mit Daten des Deutschen Alterssurveys, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen im Verlauf der Zeit negativere Altersbilder sowie ein erhöhtes subjektives Alter entwickeln. Wettstein und Kollegen untersuchen Lungenfunktion und subjektives Alter zu mehreren Messzeitpunkten über neun Jahre und finden bidirektionale Zusammenhänge zwischen jüngerem subjektivem Alter und besserer objektiv gemessener Lungenfunktion auf intraindividueller und interindividueller Ebene. Kornadt und Kolleg:innen zeigen dynamische, altersabhängige Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, Stress und subjektivem Alter in Verlauf von 2.5 Jahren. In einer 14-tägigen Tagebuchstudie finden Wirth und Rothermund dass wahrgenommene altersbezogene Verluste besonders an stressreichen Tagen zu negativem Affekt beitragen, wohingegen altersbezogene Gewinne diese Effekte von Stress abpuffern. Abschließend zeigen Selovin und Kolleg:innen, inwiefern objektive Marker des Alterns mit subjektivem Alterserleben zusammenhängen. Während sich keine Zusammenhänge zwischen blutbasierten Markern und dem Erleben erfolgreichen Alters zeigen, gibt es Zusammenhänge mit Arbeitsgedächtnisleistung und visuell-motorischer Koordination.
Die in diesem Symposium vorgestellten Studien zeigen, dass eine Kombination objektiv gemessener und subjektiver Gesundheit, multidimensionale Operationalisierungen der interessierenden Konstrukte und verschiedene Zeitebenen notwendig sind, um die Zusammenhänge zwischen Altersbildern, Alterserleben und Gesundheit tiefgreifend verstehen zu können.
Die longitudinale Beziehung zwischen Vorstellungen vom eigenen Älterwerden (views on aging; VoA) und gesundheitsbezogenen Outcomes ist mittlerweile umfassend belegt. Inwiefern jedoch einzelne Erkrankungen oder Erkrankungsgruppen mit Veränderungen dieser VoA u¨ber die Zeit hinweg assoziiert sind, ist vergleichsweise wenig bekannt. Die vorliegende Studie untersucht daher im Längsschnitt den zeitlichen Verlauf (a) von Selbstwahrnehmungen des Älterwerdens (SPA) sowie (b) des subjektiven Alters in Abhängigkeit von drei prävalenten selbstberichteten chronischen Erkrankungen: Krebs, Diabetes und psychische Erkrankungen.
Datengrundlage bildet die Basisstichprobe des Deutschen Alterssurveys aus dem Jahr 2014 (N= 6001) u¨ber drei Messzeitpunkte (2014,2017, 2021). Der Verlauf von VoA wurde mittels multilevel-Modellen in Abhängigkeit vom chronologischen Alter sowie der selbstberichteten Erkrankung modelliert. Die SPA Subskalen Persönliche Weiterentwicklung, Körperliche Verluste und Soziale Verluste, bestehend aus jeweils aus vier Items, wurden u¨ber eine vierstufige Likert-Skala von 1=„trifft genau zu“ bis 4 =„trifft gar nicht zu“ erfasst. Das subjektive Alter wurde mit der Ein-Item- Standardfrage erhoben: „Wie alt fu¨hlen Sie sich?“ Vorläufige Ergebnisse aus den gewichteten univariaten Analysen deuten darauf hin, dass jede der drei Erkrankungen mit negativen Veränderungen hinsichtlich gewinn- oder verlustorientierter Wahrnehmungen sowie dem subjektiven Alter u¨ber die Zeit hinweg assoziiert ist. Die Analysen werden durch multivariate Modelle ergänzt und erweitert, um Moderationseffekte durch gesundheitsbezogenes Verhalten (Rauchen, Alkoholkonsum) zu untersuchen. Insgesamt zeichnet sich ab, dass Personen mit einer der Erkrankungen ihr Altern u¨ber die Zeit hinweg negativer wahrnehmen als Personen ohne eine dieser Erkrankungen. Ob sich diese Trends im Rahmen der multivariaten Modelle bestätigen, wird im Rahmen der noch ausstehenden Analysen beleuchtet.
Obwohl man festgestellt hat, dass das Gefühl, jünger zu sein, mit verschiedenen gesundheitlichen Vorteilen verbunden ist, sind die Zusammenhänge komplex, und die meisten bisherigen Studien haben selbstberichtete Gesundheitsindikatoren und nicht objektive, leistungsbasierte Gesundheitsmaße oder Biomarker verwendet. In dieser Studie haben wir die inter- und intraindividuellen Zusammenhänge zwischen dem subjektiven Alter und der Lungenfunktion (Peak Expiratory Flow), einem Biomarker, der mit dem Sterberisiko in Verbindung steht, untersucht. Es wurden Daten des Deutschen Alterssurveys verwendet, mit einer Stichprobe von 9.782 Erwachsenen im mittleren und höheren Erwachsenenalter, die über einen Zeitraum von 9 Jahren bis zu viermal untersucht wurde. Längsschnittliche Mehrebenen-Regressionsmodelle, die für soziodemografische und gesundheitsbezogene Maße kontrollierten, ergaben Vorhersageeffekte auf inter- und intraindividueller Ebene, und zwar in beide Richtungen. Auf der interindividuellen Ebene zeigten Studienteilnehmer, die sich insgesamt jünger fühlten, eine insgesamt bessere Lungenfunktion, und diejenigen mit einer insgesamt besseren Lungenfunktion fühlten sich jünger. Auf der intrapersonellen Ebene schnitten Personen besser beim Lungenfunktionstest ab zu Messzeitpunkten, zu denen sie sich jünger fühlten, und sie fühlten sich jünger zu Messzeitpunkten, bei denen ihre Lungenfunktion besser war. Unsere Ergebnisse deuten also darauf hin, dass es bidirektionale Zusammenhänge zwischen der Lungenfunktion und dem subjektiven Alter gibt, und zwar sowohl auf interindividueller als auch auf intraindividueller Ebene. Selbst subtile Veränderungen von Biomarkern wie der Lungenfunktion können sich darauf auswirken, wie sich alte Menschen fühlen, was wiederum Folgen für ihr Verhalten, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden hat.
Subjektives Alter, d. h. das gefühlte Alter einer Person im Vergleich zu ihrem chronologischen Alter, ist ein Indikator für eine Vielzahl von Alterungsprozessen. Studien, die multivariate und längsschnittliche Dynamiken des subjektiven Alters mit potenziellen Determinanten und Mechanismen dieser Zusammenhänge untersuchen, sind jedoch bisher selten. In der vorliegenden Studie betrachten wir Einsamkeit als potenziellen Prädiktor subjektiven Alters, da Einsamkeit eine Vielzahl von psychosozialen und gesundheitlichen Ergebnissen im Laufe des Lebens beeinflusst und stereotypisch als Merkmal des Alters wahrgenommen wird. Wir untersuchen, ob Einsamkeit mit der Ausprägung und Veränderungen des subjektiven Alters zusammenhängt, und prüfen, ob dieser Zusammenhang durch selbstberichteten Stress vermittelt wird. N = 5,594 Erwachsene im Alter von 18 bis 93 Jahren (M = 50.41, SD = 15.99), die an einer Längsschnittstudie mit bis zu drei Messzeitpunkten über einen Zeitraum von 2,5 Jahren teilnahmen, berichteten ihre Einsamkeit, ihr subjektives Alter und ihren Stress sowie soziodemografische und gesundheitsbezogene latente Wachstumsmodelle zeigten, dass bei Kontrolle von soziodemografischen und gesundheitsbezogenen Kovariaten eine höhere Einsamkeit mit einem älteren subjektiven Alter und einem steileren Anstieg des subjektiven Alters über die Zeit zusammenhingen. Diese Zusammenhänge wurden durch Stress vermittelt; der Zusammenhang zwischen Stress und subjektivem Alter war jedoch nicht mehr statistisch signifikant, wenn die Kovariaten einbezogen wurden. Alle Zusammenhänge wurden durch das chronologischen Alter moderiert, wenn auch in unterschiedlichen Richtungen. Unsere Ergebnisse bestätigen die Zusammenhänge von Einsamkeit, Stress und subjektiven Alterserfahrungen und unterstreichen die Notwendigkeit eines altersinformierten Ansatzes bei der Planung weiterer Studien und Maßnahmen.
Mit steigendem Alter wird das Verhältnis zwischen Verlusten und Gewinnen zunehmend negativer. Inwieweit diese altersbedingten Veränderungen einen Effekt auf das emotionale Wohlbefinden von älteren Erwachsenen haben und welche kontextuellen Effekte diesen Einfluss moderieren, ist bisher unklar. Wahrgenommene altersdingte Verluste könnten sich dann besonders negativ auf das emotionale Wohlbefinden auswirken, wenn eine Vielzahl von stressreichen Situationen erlebt wird. Wenn hingegen altersbedingte Gewinne zu verzeichnen sind, könnte der Effekt von stressreichen Situationen abgemildert werden. Um diese Hypothesen zu untersuchen, nutzten wir Daten von 268 Personen (50-92 Jahre), die täglich über einen Zeitraum von 14 Tagen überwahrgenommene altersbedingte Verluste und Gewinne, sowie dem Erleben von stressreichen Ereignissen und negativen Gefühlen berichteten. Die Ergebnisse von Mehrebenen-Regressionsanalysen zeigen, dass an Tagen, an denen mehr altersbezogene Gewinne berichtet wurden, der Effekt einer überdurchschnittlichen Anzahl an Stressoren auf negativen Affekt weniger stark ausfiel als an Tagen mit weniger altersbezogenen Gewinnen. Für altersbezogene Verluste zeigte sich ebenfalls der vorhergesagte Zusammenhang, dieser war aber abhängig vom chronologischen Alter. An Tagen, an denen mehr altersbezogene Verluste und überdurchschnittlich viele Stressoren erlebt wurden, war der negative Affekt am höchsten. Dies galt insbesondere für die ältesten Studienteilnehmenden (72 Jahre und älter) und war weniger stark ausgeprägt für jüngere. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Erleben (täglicher) altersbedingter Verluste und Gewinne essenziell zum Verständnis beitragen kann, wie ältere Erwachsene ihr emotionales Wohlbefinden aufrechterhalten. Außerdem stützen sie differenzierte und kontextabhängige Konzeptualisierungen des emotionalen Alterns.
Die Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit sowie chronische Entzündungsprozesse sind wesentliche Aspekte des Alterungsprozesses. Indikatoren der kognitiven Leistungsfähigkeit und blutbasierte Entzündungsmarker stellen somit objektive Marker des Alterns (OMAs) dar. Obwohl OMAs valide Prädiktoren für altersbedingte körperliche und geistige Beschwerden sind, ist die Validität von OMAs für das subjektive Erleben erfolgreichen Alterns weniger klar.
Ziel der Studie ist es, den prädiktiven Wert von blutbasierten Entzündungsmarkern (Interleukin-6, C-reaktives Protein) und Leistungsmarkern der visuomotorischen Koordination und des Kurzzeitgedächtnisses für Dimensionen des erfolgreichen Alterns (Lebenszufriedenheit, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Alltagskompetenz) zu bestimmen, während für den Effekt vom chronologischen Alter und sozio-ökonomischen Faktoren kontrolliert wird. Die Zusammenhänge wurden anhand von Querschnittsdaten einer Stichprobe von 475 älteren Erwachsenen (45% Frauen) im Alter von 60 bis 86 Jahren (Md. Alter = 74,3) modelliert.
Es konnten keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen blutbasierten Entzündungsmarkern und den Dimensionen des Erfolgreichen Alterns (Lebenszufriedenheit, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Alltagskompetenz) festgestellt werden. Geringere Arbeitsgedächtnisleistung stand signifikant mit geringere Alltagskompetenz in Zusammenhang. Geringere Werte im Bereich der visuell-motorischen Koordination standen bei den älteren Personen der Stichprobe mit einer geringeren Lebenszufriedenheit in Verbindung.
Wir schlagen einen "fit-for-purpose"-Ansatz vor, der die differentiellen Beziehungen zwischen OMAs und den Dimensionen erfolgreichen Alterns erklären kann, indem Mechanismen berücksichtigt, die den Effekt von OMAs auf das subjektive Erleben erfolgreichen Alterns modulieren.