Freitag, 19.09.2025

09:15 - 10:45

05.03.203
(Raum 5)

E45

Professionelle Pflege

Moderation: A. S. Richter, Berlin

09:15
Herausforderungen des Managements in der stationären Langzeitpflege
E45-1 

H. Brandenburg; Witten

Im Rahmen einer 2023-2026 von der DFG geförderten Studie zu den "Innen- und Außenspannungen des Managements in der stationären Langzeitpflege" werden 20 Pflegeeinrichtungen untersucht. Befragt werden die in das Management involvierten Akteure vor Ort: Geschäfts-, Einrichtungs-, Pflegedienst- und Wohnbereichsleitungen.

Fragestellung: Welche Praxis lässt sich im Hinblick auf den Umgang der verschiedenen Managementebenen mit den Innen- und Außenspannungen in den Einrichtungen rekonstruieren?

Methodik: Vor dem Hintergrund eines qualitativen Designs (Dokumentarische Methode) werden ca. 140 Interviews mit Expert/innen durchgeführt, ergänzt durch teilnehmende Beobachtungen und "shadowing" der Geschäftsleitungen.

Ergebnisse: Vor dem Hintergrund der Komparatistik werden unterschiedliche "Typen" des Managements rekonstruiert werden; auf zwei wird exemplarisch Bezug genommen. Typ 1: Stark auf Controlling basierende Organisationen neigen dazu, Zahlen als objektive Realität zu betrachten, was zu internem Wettbewerb und zusätzlichen Spannungen führen kann. Typ 2: Betriebe mit dialog- und sicherheitsorientiertem Führungsstil setzen auf Kommunikation und Schulung zur Förderung einer wertschätzenden Unternehmenskultur, können aber nur bedingt die chronische Überlastung der für das Personal verantwortlichen mittleren Führungsebenen verhindern.

Konsequenz: Es zeigt sich empirisch eine Heterogenität von Führungsstilen - auch unabhängig von der Trägerschaft, Größe und Lage der Pflegeheime.

09:35
Förderung interprofessioneller Zusammenarbeit in der häuslichen Pflege: Erkenntnisse aus der partizipativen Entwicklung einer Koordinationsplattform im ländlichen Raum
E45-2 

K. Deisenhofer, T. Wörle, F. Fischer, S. Sauter, M. R. Jokisch; Kempten

Fragestellung: Fachkräftemangel, fragmentierte Unterstützungsangebote und fehlende Schnittstellen erschweren die ambulante Pflegeversorgung älterer Menschen. Digitale Plattformen können bei der Koordination beteiligter Akteure unterstützen. Der Beitrag untersucht, inwieweit partizipative Prozesse helfen, in die Entwicklung einer digitalen Koordinationsplattform heterogene Bedarfs- und Problemperspektiven von Pflegebedürftigen, informell Pflegenden, ambulanten Pflegediensten und klinischer Sozialdiensten zu integrieren.

Methodik: Im März und April 2025 wurden 16 Einzel- und Gruppen-User-Testings durchgeführt. Beteiligt waren pflege- und beratungssuchende Personen im Alter von 29 bis 78 Jahren mit und ohne Vorerfahrung bei der Suche nach Pflege- oder Beratungsdiensten. Erhebungen erfolgten durch leitfadengestützte Beobachtungen und Kurzinterviews, die qualitativ-inhaltsanalytisch nach Kuckartz ausgewertet wurden.

Ergebnisse:Es bestand große Heterogenität in digitaler Kompetenz, pflegebezogener Vorerfahrung, individuellen Nutzungsvoraussetzungen und Erwartungen, was im partizipativen Prozess differenzierte Einblicke in Bedarfe und Nutzungsverläufe bot. In Einzel-Settings traten v.a. individuelle Nutzungsbarrieren hervor, die Kommunikation in den Gruppen-Testings förderte hingegen Intersubjektivität (unter anderem Perspektivwechsel, wechselseitige Erklärungen), zeigte aber hohen Bedarf an Moderation. Barrieren wie technische Unsicherheiten, unklare Begrifflichkeiten oder Datenschutzbedenken sowie Unterstützungsbedarfe zu Navigation, Sprache oder Inhaltstiefe wurden individuell artikuliert.

Diskussion:Unterschiedliche Digitalkompetenz, Erfahrungshintergründe und Erwartungen erforderten Perspektivenübernahme. Die Heterogenität in den Einzel- und Gruppen-Live-Testings erwies sich als produktiv, sofern sie durch Moderation begleitet und auf gemeinsame Ziel- und Problemstellungen fokussiert wurde. Lernfenster bestehen insbesondere bei Teilnehmenden mit wenig Vorerfahrung. Besonders die Personen ohne pflegebezogener Vorerfahrung beurteilten die Plattform als hilfreich - ein Indiz, dass gerade biografiebedingt noch gering ausgeprägte Affinität zu pflegebezogenen Technologien bei positiven Nutzenerwartungen die Bereitschaft, sich diese anzueignen, positiv beeinflussen kann. Hier liegen nicht nur Ansatzpunkte für weitere Forschung, sondern auch für Angebote, die einen niedrigschwelligen Einstieg unterstützen (Schulungen, Coaching durch Beratungsstellen).

09:55
Good Practices für Resilienz in der Langzeitpflege
E45-3 

F. Jentsch, K. Knauthe, A. Hoff; Berlin, Görlitz

Das europäische Forschungsprojekt WELL CARE adressiert die psychische Gesundheit und Resilienz von professionellen Pflegekräften sowie informell Pflegenden im Bereich der Langzeitpflege. Ziel des Projekts ist die systematische Identifikation und Implementierung von Good Practices zur Förderung sektorübergreifender Pflegepartnerschaften. Das Poster visualisiert die zentralen Ergebnisse und methodischen Vorgehensweisen und gibt Einblicke in den transnationalen Innovationsprozess.

Im Rahmen eines mehrstufigen, partizipativen Forschungsprozesses wurden zunächst ein systematisches Literaturreview unter Anwendung der PRISMA-Richtlinien sowie ein strukturiertes Scoping der grauen Literatur durchgeführt. Ergänzend erfolgten jeweils zehn leitfadengestützte, explorative Expert:inneninterviews in den Partnerländern Deutschland, Italien, Niederlande, Schweden und Slowenien. Auf dieser Datengrundlage wurden anhand vordefinierter Qualitätskriterien 40 Good Practices identifiziert, die das Potenzial besitzen, die Resilienz sowohl formell als auch informell Pflegender nachhaltig zu stärken.

Besonderer Fokus liegt auf der Förderung von Pflegepartnerschaften, verstanden als koordinierte Zusammenarbeit und gegenseitige Anerkennung von Pflegeaktivitäten zwischen professionellen und informellen Akteur:innen. Die iterative Validierung der Zwischenergebnisse erfolgte durch moderierte Fokusgruppen (Blended-Learning-Networks) mit Pflegekräften, pflegenden Angehörigen und weiteren Fachkräften in allen beteiligten Ländern. Dieses partizipative Vorgehen erwies sich als zentraler Erfolgsfaktor für eine kontextualisierte Priorisierung und Erprobung der identifizierten Ansätze.

Die auf dem Poster präsentierten Ergebnisse verdeutlichen, dass die systematische und partizipative Identifikation von Best Practices ein tragfähiges Fundament für bedarfsorientierte, länderspezifische Versorgungsansätze bildet. Zudem wird der innovative Charakter von Pflegepartnerschaften als resilienzförderndes Strukturmerkmal hervorgehoben. Das ist ein bislang wenig erforschter, aber zentraler Ansatz zur Förderung integrierter Langzeitpflege. Durch eine übersichtliche grafische Darstellung der Forschungsstruktur (z.B. PRISMA-Flussdiagramm), zentrale Ergebnisübersichten und Schlagworte wird der Zugang zu den komplexen Forschungsinhalten erleichtert und die Diskussion mit dem Fachpublikum angeregt.

10:15
Einflussfaktoren auf den Verbleib von Pflegekräften mit Zuwanderungsgeschichte im Altenpflegearbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt
E45-4 

J.-N. Liban, S. Biere, J. Heusinger; Magdeburg

In Sachsen-Anhalt leben aktuell rund 166.500 Pflegebedürftige, die von rund 40.000 Pflegekräften versorgt werden (Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt 2023). Durch die Zunahme alter Menschen und den bevorstehenden Ruhestand von 16.700 Pflegekräften (Fuchs/Fritzsche 2022: 34) bis 2035 werden über den aktuellen Bestand hinaus mind. 4.800 zusätzliche Vollzeitstellen in der Pflege benötigt. Dem steht heute schon bundesweit eine unzureichende Zahl von Pflegekräften gegenüber (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2023). Bundesweit wird u.a. auf die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte in den Pflegearbeitsmarkt gesetzt.

Sachsen-Anhalt hat allerdings den bundesweit geringsten Anteil von Migrant*innen (3,5%) und Geflüchteten (0,4%) in Fachkraftberufen (Hickmann et al. 2021: 23). Während Pflegekräfte mit Migrationshintergrund bundesweit inzwischen 14% aller Pflegekräfte ausmachen (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2023: 11), arbeiten in Sachsen-Anhalt in der Altenpflege weniger als 1% Migrant*innen, 0% Geflüchtete (Hickmann et al. 2021: 57). Die vorliegenden Erkenntnisse zu hinderlichen Faktoren für die Arbeitsmarktintegration in der Pflege (Slotala 2024, Ritter 2022 u 2024, Noll/Bollinger 2022, Sachverständigenrat für Integration und Migration 2022, Stolle-Wahl/Reinhardt 2022, Alsabah 2021, Kniejska 2015) beziehen sich vor allem auf den Kontext der westlichen Bundesländer. Vor diesen Hintergrund werden im Projekt MIASA (Migration und Integration stärken die Altenpflege in Sachsen-Anhalt, gefördert aus Mitteln der EU und des Landes Sachsen-Anhalt 2024-2027) Gründe und Stellschrauben für den (Nicht-)Verbleib von migrantischen Pflegefachkräften insbesondere NACH Abschluss eines Arbeitsvertrages in Sachsen-Anhalt untersucht.

Methode: Im Projekt kommt ein Methodenmix zum Einsatz: Erarbeitung des Forschungsstandes durch eine systematische Literaturrecherche und explorative, nicht standardisierte Hintergrundgespräche mit regionalen Expert*innen (n= 8), online-Befragung der Anbieter im Altenpflegemarkt Sachsen-Anhalts, partizipative qualitative Untersuchung der Perspektiven der Pflegekräfte und Entwicklung von Interventionen.

Ergebnisse: Es werden die bei der systematischen Literaturrecherche identifizierten Einflussfaktoren vor dem Hintergrund der Informationen aus den explorativen Hintergrundgesprächen diskutiert. Ziel ist es, den Forschungsstand unter Berücksichtigung regionaler Spezifika und Erfahrungen für das Projekt zu erweitern.

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