Freitag, 19.09.2025
11:30 - 13:00
05.03.09
(Raum 1)
E51
Prävention und Gesundheitsverhalten
Moderation: S. M. Spuling, Berlin
Hintergrund: Familiäre Beziehungen können sowohl Ressourcen als auch Belastungen für das freiwillige Engagement darstellen. Neuere Studien deuten darauf hin, dass familiäre Verpflichtungen – wie Pflege und Unterstützung naher Angehöriger – die Wahrscheinlichkeit für Freiwilligenarbeit verringern können. Ebenso zeigen aktuelle Befunde, dass positiv wahrgenommene soziale Unterstützung negative Zusammenhänge mit Freiwilligenarbeit aufweisen kann.
Fragestellung: Wir untersuchen die zugrundeliegenden Mechanismen dieser ambivalenten Befunde: Einerseits wird geprüft, ob positive soziale Unterstützung über erhöhte familiäre Verpflichtungen das Engagement indirekt beeinflusst. Andererseits wird untersucht, ob familiäre Verpflichtungen die Qualität familiärer Beziehungen beeinträchtigen und negative Formen sozialer Unterstützung – z. B. Kritik oder Enttäuschung – hervorrufen, die wiederum hemmend auf freiwilliges Engagement wirken könnten. In beiden Modellen wird zudem geprüft, ob subjektive psychologische Indikatoren der Überforderung zusätzlich als Mediatoren fungieren. Da sich familiäre Verpflichtungen und soziale Netzwerke im Lebensverlauf verändern, wird ein besonderer Fokus auf mögliche Altersunterschiede in diesen Prozessen gelegt.
Methode: Wir analysieren Daten des britischen Längsschnittdatensatzes Understanding Society (Wellen 2009–2014, N > 40.000). Es wurden längsschnittliche Mediationsanalysen mittels Latent Change Scores durchgeführt. Die Studie ist präregistriert (https://osf.io/mpzbn; https://osf.io/hgmsx).
Ergebnisse: Die LCS-Analysen mit der Gesamtstichprobe zeigen: Veränderungen in der wahrgenommenen sozialen Unterstützung sind positiv mit Veränderungen in der Zufriedenheit mit der Freizeitgestaltung assoziiert, während zunehmende familiäre Verpflichtungen – z.B. durch Pflege oder Kinderbetreuung – damit negativ zusammenhängen. Zudem hängt das Wachstum familiärer Verpflichtungen (z.B. Kinderbetreuung) mit dem Rückgang im freiwilligen Engagement zusammen. Aktuell werden Altersunterschiede sowie mögliche indirekte Effekte familiärer Verpflichtungen über negative soziale Unterstützung und subjektives Überforderungsempfinden auf das Engagement untersucht.
Schlussfolgerung: Unsere Studie untersucht die Relevanz familiärer Dynamiken für das Verständnis freiwilligen Engagements im Lebensverlauf. Um Freiwilligenarbeit langfristig zu fördern, sollten insbesondere Herausforderungen durch familiäre Verpflichtungen stärker in den Blick genommen werden.
Fragestellung: Empirische Erkenntnisse zu Entwicklungspfaden kumulativer Vulnerabilität im höheren Lebensalter sind bislang rar. Diese Studie untersucht, ob sich a) gruppenspezifische Verläufe mehrdimensionaler Vulnerabilität im höheren Alter identifizieren lassen und b) wie diese durch soziodemografische Merkmale beschrieben werden.
Methodik: Längsschnittdaten des Deutschen Alterssurveys (DEAS, 2008-2023) mit 2.729 Befragten zwischen 65-85 Jahren im Basisjahr 2008 wurden analysiert. Vulnerabilität wurde anhand konfirmatorischer Faktorenanalysen über fünf Indikatoren operationalisiert: Einkommensarmut (materiell), Einsamkeit (sozial), funktionale Einschränkungen und Multimorbidität (physisch) sowie seelische Probleme anhand der CES-D-Skala (mental). Mittels group-based trajectory modeling (GBTM) wurden typische Vulnerabilitätsverläufe identifiziert. Geschlecht und Bildung (ISCED) wurden als Prädiktoren berücksichtigt.
Ergebnisse: Drei typische Verlaufsmuster ließen sich ermitteln. Der erste Verlaufstyp (48,0%) zeigt ein niedriges Ausgangsniveau mit kurvilinearem Anstieg im Alter, was auf die Zunahme physischer und mentaler Vulnerabilität zurückzuführen ist. Männer gehören ihm mit höherer Wahrscheinlichkeit an als Frauen. Der zweite Verlaufstyp (36,3%) verbleibt auf niedrigem und leicht ansteigendem Niveau. Männer und Personen mit höherer Bildung können mit höherer Wahrscheinlichkeit diesem Verlaufstyp zugerechnet werden. Der dritte Verlaufstyp (15,7%) weist das höchste Vulnerabilitätsniveau und einen linearen Anstieg mit zunehmendem Alter auf, der auf einen Zuwachs physischer Vulnerabilität zurückgeführt werden kann. Frauen und Personen mit niedriger/mittlerer Bildung gehören mit einer höheren Wahrscheinlichkeit diesem Verlaufstyp an.
Schlussfolgerung: Im höheren Lebensalter bestehen klar unterscheidbare Entwicklungspfade multidimensionaler Vulnerabilität. Der altersabhängige Anstieg der Vulnerabilität wird vor allem durch die physische oder mentale Vulnerabilität geprägt. Darüber hinaus spielen soziale Ungleichheiten nach Bildung und Geschlecht eine Rolle. Die Ergebnisse könnten Ansatzpunkte zur Verringerung kumulativer Vulnerabilität im Alter liefern. In etwa jedem siebten Verlauf lassen sich bereits vor dem 65. Lebensjahr Bedarfe an sozial- und gesundheitsbezogenen Interventionen identifizieren. In nahezu der Hälfte der Verläufe zeigen sich insbesondere in der siebten Lebensdekade verstärkte Bedarfe an gesundheitsbezogenen Unterstützungsmaßnahmen.
Hintergrund: Sturzangst ist ein weit verbreitetes Phänomen bei älteren Erwachsenen, mit negativen Folgen wie einer verminderten geistigen und körperlichen Gesundheit, geringeren Lebensqualität und einer insgesamt geringeren sozialen Teilhabe. Unsere systematische Übersichtsarbeit geht über bisherige Erkenntnisse aus aktuellen Reviews hinaus, indem sie sich auf psychosoziale Faktoren konzentriert, die im Längsschnitt mit Sturzangst assoziiert sind. Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über die Evidenzlage für psychosoziale Faktoren zu geben, von denen angenommen wird, dass sie im Längsschnitt mit Sturzangst assoziiert sind.
Methode: Das Review wurde gemäß der Prisma Richtlinien durchgeführt. Die Literatursuche erfolgte in sechs Datenbanken (APA PsycNET, CINAHL, Cochrane CENTRAL, Embase, Scopus, und Web of Science). Für die Datensynthese wurde ein Bewertungsschema verwendet, um die Zusammenhänge zwischen psychosozialen Faktoren und Sturzangst zu analysieren. Zur Bewertung der Studienqualität wurde eine modifizierte Version der Newcastle-Ottawa-Skala verwendet.
Ergebnis: 16 Studien mit 30.724 Teilnehmer:innen (Alter: 65 – 98 Jahre) berichteten über längsschnittliche Assoziationen von 14 psychosozialen Faktoren mit Sturzangst. Höhere depressive Symptome, Angst, negativer Affekt und Symptombelastung, geringere soziale Aktivität, soziale Teilhabe, soziale und emotionale Unterstützung sowie ein höheres, subjektives Alter, waren mit höherer Sturzangst verbunden. Im Gegensatz dazu waren höhere Selbstwirksamkeit, positiver Affekt und sozialer Zusammenhalt mit weniger Sturzangst verbunden.
Diskussion: Für die meisten psychosozialen Faktoren mit Ausnahme von depressiven Symptomen ist die Evidenzbasis schwach. Es sind weitere Längsschnittstudien zur Rolle psychosozialer Faktoren für Sturzangst erforderlich, um die Faktoren zu stärken und eine fundierte Grundlage für Empfehlungen zur Optimierung von Interventionen zur Reduzierung von Sturzangst zu ermöglichen.
Fragestellung: Der vorliegende Beitrag untersucht, ob Gesundheitsverhalten und die Auseinandersetzung mit dem Lebensende mit der gewünschten Lebenserwartung zusammenhängen und wenn ja, ob diese Zusammenhänge auch unter Kontrolle soziodemografischer, gesundheitlicher und psychologischer Faktoren bestehen bleiben. Es wird davon ausgegangen, dass gesundheitsförderliches Verhalten mit einer längeren gewünschten Lebenserwartung zusammenhängt, wohingegen die Auseinandersetzung mit dem Lebensende eher mit einer kürzeren gewünschten Lebenserwartung zusammenhängt.
Methodik: Basierend auf Daten des Deutschen Alterssurveys aus dem Jahr 2023 (N = 3.984; MAlter = 69,4 Jahre [SD = 11,3], 51,8% Frauen) wurde der Zusammenhang zwischen gesundheitsförderlichem Verhalten (Sport, Nicht-Rauchen, Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen [Grippeschutzimpfung, Krebsvorsorge, Gesundheits-Check-Up]) und Auseinandersetzung mit dem Lebensende (Häufigkeit der Beschäftigung mit dem Thema Tod und Sterben, Vorhandensein von Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament) mit der gewünschten Lebenserwartung untersucht. Die Daten wurden mit Hilfe von bivariaten Korrelationen sowie schrittweisen, multiplen linearen Regressionen im Querschnitt analysiert.
Ergebnisse: Die durchschnittliche gewünschte Lebenserwartung lag bei 90,3 Jahren (SD = 8,2) – Ältere und Männer gaben an, länger leben zu wollen. Sport, Grippeschutzimpfung, Krebsvorsorge, Vorsorgevollmacht und Testament hingen nicht mit der gewünschten Lebenserwartung zusammen. Personen, die nicht rauchen und an Gesundheits-Check-Ups teilnehmen, gaben eher an, länger leben zu wollen. Personen, die sich häufig mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigen und eine Patientenverfügung haben, gaben dagegen eine kürzere gewünschte Lebenserwartung an.
Zusammenfassung: Während gesundheitsförderliches Verhalten (Nicht-Rauchen, Gesundheits-Check-Up) eher mit einer längeren gewünschten Lebenserwartung zusammenhängt, hängen ausgewählte Indikatoren, die eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Lebensende vermuten lassen (Vorliegen einer Patientenverfügung, Beschäftigung mit dem Thema Tod und Sterben), mit einer kürzeren gewünschten Lebenserwartung zusammen. In einem nächsten Schritt wird überprüft, ob Gesundheitsverhalten und die Auseinandersetzung mit dem Lebensende nicht nur querschnittlich mit der gewünschten Lebenserwartung zusammenhängen, sondern diese auch im Längsschnitt über drei Jahre hinweg vorhersagen können.