Donnerstag, 18.09.2025
16:30 - 18:00
05.03.204
(Raum 6)
S36
Politische Bildung und politische Teilhabe aus Sicht der Geragogik
Moderation: N. Berner, Witten
Bildung im Alter hat durch ihre enge Verknüpfung mit sozialer Teilhabe, der Engagementbereitschaft über den Lebenslauf hinweg und Fragen gesellschaftlicher Mitverantwortung auch eine politische Dimension (Ehler, 2010). Studien betonen den dringenden Bedarf an demokratiefördernder, politischer Bildung im Alter (Albrecht, 2018) – insbesondere angesichts demografischer Entwicklungen und wachsender politischer Polarisierung in Europa und weltweit. Politische Bildung kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, indem sie kritisches Urteilsvermögen und Partizipationsbereitschaft auch im Alter fördert.
Die Geragogik versteht sich seit ihren Anfängen explizit als Disziplin mit politischem Anspruch (Köster, 2012). Dennoch wurde politische Bildung bislang nur selten aus spezifisch geragogischer Perspektive untersucht. Das Symposium lädt dazu ein, politische Bildung als integralen Bestandteil geragogischer Praxis zu diskutieren und eröffnet die Möglichkeit, sich mit (konventionellen wie unkonventionellen) Formen politischer Mitbestimmung im Alter und der Förderung von Demokratisierungsprozessen durch Bildung im Alter auseinanderzusetzen. Ziel ist es, Impulse für eine demokratiefördernde Geragogik zu setzen, die politische Teilhabe älterer Menschen als Ressource für eine pluralistische Gesellschaft begreift.
Die vier Vorträge des Symposiums beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven politische Bildung im Alter und die Frage, wie Teilhabe durch Bildung gestärkt werden kann. Der erste Vortrag rahmt das Symposium, indem didaktische Leitprinzipien sowie zentrale Fragestellungen für die Geragogik im Kontext politischer Bildung herausgearbeitet werden. Anschließend werden Besonderheiten rechtsextremer Radikalisierung im Alter thematisiert und ein Präventionsangebot vorgestellt (Vortrag 2), partizipative Formate in der Nachbarschaft zur Stärkung politischer Teilhabe aufgezeigt (Vortrag 3) sowie Lernorte älterer Frauen mit Gastarbeitsgeschichte analysiert und Potenziale politischer Bildung diskutiert (Vortrag 4).
Politische Bildung im Alter gewinnt angesichts demografischer, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen zunehmend an Bedeutung. Ältere Menschen sind nicht nur eine wachsende Bevölkerungsgruppe, sondern auch relevante politische Akteur:innen. Studien zeigen, dass ältere Menschen häufiger wählen als jüngere und politisch engagierter sind, dabei aber auch verstärkt mit stereotypen Altersbildern und strukturellem Ageism konfrontiert werden (BMFSFJ, 2020, 2024). Politische Bildung muss in einem geragogischen Kontext didaktisch so gestaltet werden, dass sie reflexiv, beteiligungsorientiert und lebensweltlich anschlussfähig ist. Didaktische Leitprinzipien (Beutelsbacher Konsens, 1976; Frankfurter Erklärung zur politischen Bildung, 2015) mit ihrem Fokus auf Demokratiekompetenz und Teilhabefähigkeit lassen sich mit den Prinzipien der Geragogik – Subjektorientierung, Freiwilligkeit, Biografiebezug – produktiv verbinden (Bubolz-Lutz et al., 2022).
Der Vortrag diskutiert in diesem Kontext zentrale Fragestellungen: Wie lassen sich politische Bildung und geragogische Praxis konzeptionell aufeinander beziehen? Und wie kann politische Teilhabe im Alter durch Bildungsarbeit konkret gefördert werden? Anhand von Beispielen wie Generationendialogen, lokalen Demokratiewerkstätten oder klimapolitischen Beteiligungsformaten werden Ansätze aufgezeigt, wie ältere Menschen als politische Akteur:innen gestärkt werden können.
Literatur:
Beutelsbacher Konsens (1976). In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Politische Bildung in der Demokratie.
BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020). Altersbilder in Deutschland. Berlin.
BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024). Neunter Altersbericht. Alt werden in Deutschland - Vielfalt der Lebenssituationen und Ungleichheit der Teilhabechancen.
Bubolz-Lutz, E. et al. (2022). Geragogik. Bildung und Lernen im Prozess des Alterns. Das Lehrbuch. Stuttgart: W. Kohlhammer. 2. Auflage.
Hennig, E. et al. (2016). Politische Bildung im Alter.
Frankfurter Erklärung zur politischen Bildung (2015). In: Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung.
In dem Vortrag wird das Forschungsprojekt „RAGE BW – Rechtsextremismus im Alter als Gefahr für Zusammenhalt und Engagement in Baden-Württemberg“ vorgestellt sowie ein Ausblick auf das anlaufende Projekt „RAGE Prävention – Rechtsextremismus als Gefahr für Zusammenhalt und Engagement. Entwicklung eines Präventionsangebots“ gegeben. Radikalisierung und (Rechts-) Extremismus im Alter haben bisher wenig Aufmerksamkeit in der Wissenschaft und Politik erfahren. In einer explorativen Interviewstudie mit zwölf Expert:innen, die durch ihre Tätigkeit in besonderer Weise Wissen bzw. Erfahrungen über den Phänomenbereich (Rechts-)Extremismus im Alter erwerben konnten, wurde die gesellschaftliche Relevanz des Themas eruiert. Nach Meinung der Ex-pert:innen ist (Rechts-) Extremismus im Alter ein Thema von hoher Relevanz. Ursachen und Ausdrucksformen einer Radikalisierung Älterer unterscheiden sich qualitativ von denen Jüngerer und erforderten neben weiterführender Forschung auch neue Konzepte der Prävention. Diese sollten in bestehenden sozialen Strukturen ansetzen, auf Freiwilligkeit der Teilnehmenden aufbauen und Ältere in die Gestaltung und Umsetzung mit einbeziehen. Zum Abschluss wird der Ansatz des neu gestarteten Projekts „RAGE Prävention“ vorgestellt, im Rahmen dessen ein Präventionsangebot entwickelt werden sol,l und mit den Teilnehmenden diskutiert.
In Zeiten gesellschaftlicher Fragmentierung und wachsender Politikverdrossenheit gewinnt das unmittelbare Lebensumfeld zunehmend an Bedeutung als Raum für politische Teilhabe und informelle Bildung. Das Projekt Nachbarschaftshilfe Plus geht über klassische Unterstützungsstrukturen hinaus, indem es nachbarschaftliches Engagement als Keimzelle politischer Mitgestaltung und zivilgesellschaftlicher Selbstwirksamkeit begreift.
Der Beitrag beleuchtet, wie durch partizipative Formate, niederschwellige Begegnungsräume und gemeinsame Aushandlungsprozesse ein neuer Zugang zu politischer Bildung geschaffen wird. Dabei zeigt sich, dass die koordinierte Organisation von Hilfeleistungen nicht nur soziale Bindungen stärkt, sondern auch zur Auseinandersetzung mit politischen Fragen auf lokaler Ebene anregt – etwa zu Themen wie Gerechtigkeit, Teilhabe oder dem Umgang mit Diversität und gesellschaftlichen Veränderungen.
Nachbarschaftshilfe Plus ist somit zu einem praxisnahen Lernfeld für demokratische Werte und aktives Bürger*innentum geworden. Der Beitrag diskutiert praxiserprobte Ansätze, sowie Herausforderungen und Chancen, die die Rolle solcher Initiativen im Kontext einer alltagsnahen politischen Bildung reflektieren.
Der Beitrag fragt aus erwachsenenpädagogischer Perspektive nach Themen und Potenzialen für politische Bildung mit Blick auf ältere Frauen mit Gastarbeitsgeschichte in einem durch Diversität und Pluralität geprägten großstädtischen Umfeld. Theoretischer Hintergrund sind Diskurse zu Partizipation und Lernen im Alter, auch im Kontext von age-friendly cities (Kulmus, 2024; Noack & Veil, 2014) und um Teilhabe und Diskriminierung im Kontext von Literalität und Mehrsprachigkeit (Piller, 2016).
Präsentiert werden Befunde aus einem Projekt zu Lebens- und Lernorten älterer Frauen mit Migrationsgeschichte (Kulmus, 2025). Über narrative Landkarten mit ergänzenden leitfadengestützten Interviews (Behnken & Zinnecker, 2010) wurden alltägliche Lebensorte und ihre Bedeutung für die Frauen erfragt, ergänzt um (auch sprachbezogene) Diskriminierungserfahrungen. Letztere wurden sowohl in der biografischen Reflexion als auch in der aktuellen politischen Situation adressiert, die durch erstarkenden Rechtspopulismus ebenso geprägt ist wie durch ausgeprägte Krisendiagnosen wie etwa Kriege oder die Klimakrise.
Davon ausgehend rekonstruiert der Beitrag subjektiv relevante politische Anliegen und Themen und diskutiert Potenziale für politische Bildung, die möglicherweise jenseits einer Teilnahme an non-formaler politischer Bildung liegt.
Literatur
Behnken, I. & Zinnecker, J. (2010). Narrative Landkarten. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. DOI: 10.3262/EEO07100128
Bremer, H. (2020). Bildungseinrichtungen als öffentliche Räume. Perspektiven in der politischen Erwachsenenbildung. https://www.boell.de/sites/default/files/2020-11/boell_brief_Oeffentliche-Raeume_07_Bildungseinrichtungen-als-oeffentliche-Raeume.pdf
Piller, I. (2016). Linguistic Diversity and Social Justice. Oxford academic
Kulmus, C., Skowranek, K., & Schultz-Edwards, J. (2025). Older migrant women’s places of literacy practices – perspectives of an almost invisible population group. International Journal of Lifelong Education, 1–15. https://doi.org/10.1080/02601370.2025.2460730
Kulmus, C. (2024). Altern und Nachhaltigkeit – Versuch einer Verhältnisbestimmung. In M. E. von Eschenbach et al. (Eds.), Erwachsenenbildung und Nachhaltigkeit (pp. 63–76). Barbara Budrich. https://doi.org/10.2307/jj.19850081.7
Noack, M. & Veil, K. (2014). Aktiv Altern im Sozialraum. Verlag SRM
Literatur:
Albrecht, P. G. (2018). Streiten mit Verletzlichen? Ansatzpunkte einer demokratiefördernden politischen Bildung älterer Menschen.forum erwachsenenbildung, 51(4), 31-34.
Ehler, A. (2010). Bildung im Alter – (k)ein politisches Thema? In Naegele, G. (Hrsg.). Soziale Lebenslaufpolitik. VS.
Köster, D. (2012). Thesen zur kritischen Gerontologie aus sozialwissenschaftlicher Sicht. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 45 (7), 603-609.