Donnerstag, 18.09.2025
14:45 - 16:15
05.03.08
(Raum 2)
S22
Lebensphase (hohes) Alter: Prävention von Risiken in der häuslichen und stationären pflegerischen Versorgung
Moderation: A. Eich-Krohm, Berlin
In der Lebensphase des hohen Alters benötigen Menschen häufig Unterstützung. Pflegebedürftige Menschen sind nicht nur auf den gelingenden Zugang zu Pflegeleistungen angewiesen, sondern auch auf eine passgenaue gesundheitliche Versorgung und dem Schutz vor Risiken. In diesem Symposium stellen wir vier Projekte vor, die sich mit der Versorgung von Pflegebedürftigen im häuslichen und stationären Bereich befassen. Aufgezeigt werden Chancen und Herausforderungen hinsichtlich der Versorgungswege in der Nachbarschaft, in Pflegeeinrichtungen und vom Krankenhaus in die Kurzzeitpflege.
Durch das Modellprojekt „Nachbarschaftshilfe Sachsen-Anhalt“ soll die Nachbarschaftshilfe für Pflegebedürftige landesweit gestärkt werden. Nachbarschaftshelfende unterstützen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen und erhalten hierfür den Entlastungsbetrag nach § 45a SGB XI. In dem Beitrag werden Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojektes vorgestellt.
Angesichts von Unter-, Über- oder Fehlversorgung wurden im Projekt „Kurzzeitpflege nach Krankenhaus“ Erfahrungen älterer Menschen beim Übergang aus dem Akutkrankenhaus in die Kurzzeitpflege qualitativ untersucht. Die Ergebnisse zeigen, wie Nutzer*innen die Passung des Versorgungsverlaufs bewerten und mit welchen Barrieren sie konfrontiert sind.
Vor dem Hintergrund gesundheitlicher Risiken durch Hitzeperioden für pflegebedürftige Menschen werden im Projekt HISTA Hitzeschutzmaßnahmen in der stationären Pflege untersucht. Dabei werden bislang umgesetzte Hitzeschutzmaßnahmen fokussiert sowie Herausforderungen bei der Umsetzung.
Im Projekt PhasaPII wird partizipativ mit sechs Pflegeeinrichtungen eine Online-Schulung zum Umgang mit Psychopharmaka entwickelt. Diese soll die Kompetenzen bei Pflegefachkräften im Umgang mit Bewohnenden stärken und zu einer besseren Versorgung führen.
Die Projekte beschreiben unterschiedliche Strategien zur Prävention von Risiken in der häuslichen und stationären Pflege und diskutieren deren Herausforderungen und Chancen.
Fragestellung: Polypharmazie, Psychopharmaka und Bedarfsmedikation stellen Risiken für Bewohnende in Pflegeeinrichtungen dar. Der Einsatz von Psychopharmaka bei Menschen mit Demenz ist erhöht, medikamentöse Ruhigstellung gilt als Freiheitsentziehende Maßnahme (FEM) und Nebenwirkungen/Wechselwirkungen bei Polypharmazie aufgrund von Multimorbidität können zu schwerwiegenden gesundheitlichen Ereignissen führen. Daher benötigen Pflegefachkräfte in der stationären Langzeitpflege Wissen über die Wirkung von Psychopharmaka, Einsatz von Bedarfsmedikation und nicht-medikamentöse Strategien, um aufforderndem Verhalten von Bewohnenden mit Demenz person-zentriert begegnen zu können.
Methodik: Im Projekt PhasaPII wird eine niedrigschwellige im Modulsystem aufgebaute Online-Schulung als Fortbildungsmöglichkeit für Pflegefachkräfte erarbeitet. Die Schulung wird in Zusammenarbeit mit 6 Pflegeheimen in Berlin und Brandenburg partizipativ entwickelt. Expert*inneninterviews und Fokusgruppen mit Pflegekräften (N=60) verdeutlichten den Ist-Zustand im Umgang mit Psychopharmaka und aufforderndem Verhalten von Bewohnenden. Die Daten wurden als Grundlage für die Inhalte der Online-Schulung mittels MAXQDA kategorisiert und inhaltsanalytisch nach Mayring ausgewertet.
Ergebnisse: Die Analyse der Interviews und Fokusgruppen zeigten die verantwortungsvolle Rolle von Pflegefachkräften bei dem Einsatz von Psychopharmaka. Vier inhaltliche Hauptaspekte für die Konzeption der Online-Schulung wurden herausgearbeitet: Umgang mit Bewohnenden mit Demenz, nicht-medikamentöse und medikamentöse Strategien, die Zusammenarbeit mit Medizin und Apotheken und im Pflegeteam. Eine wichtige Aufgabe der Psychopharmaka-Gabe ist die Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens von Bewohnenden; jedoch wird die Beobachtung häufig von Pflegehilfskräften gemacht, die nicht das notwendige Wissen haben.
Zusammenfassung: Das Projekt PhasaPII verdeutlicht, wie anwendungsbezogene Forschung mit einem partizipativen Ansatz umgesetzt werden kann, sodass Fortbildungen für Pflegepersonal entsprechend den Bedarfen und unabhängig von unterschiedlichen Bedingungen der Pflegeheime entwickelt werden können.
Fragestellung: Freiwilliges Engagement im Pflegekontext wird seit Jahren kontrovers diskutiert: unter anderem als Versuch, Versorgungsengpässe zu kompensieren, als niedrigschwellige Entlastungsmöglichkeit pflegender Angehöriger, als Chance Pflegebedürftigen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen oder als Baustein sorgender Gemeinschaften. Im Modellprojekt „Nachbarschaftshilfe Sachsen-Anhalt“ werden seit 2022 Strukturen aufgebaut, um die Nachbarschaftshilfe für Pflegebedürftige landesweit zu stärken. Geschulte und registrierte Nachbarschaftshelfende unterstützen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen und erhalten hierfür den Entlastungsbetrag nach § 45a SGB XI. Zugleich sollen nachbarschaftliche Engagementstrukturen entstehen, die insbesondere in strukturschwachen, ländlichen Regionen die Zivilgesellschaft stützen und Selbsthilfe stärken sollen.
Methodik: Das Modellprojekt wird mit einer formativen Evaluation begleitet. In schriftlichen Befragungen, Interviews und Workshops wird laufend der Stand der Umsetzung erhoben.
Ergebnisse: In dem Beitrag werden Zwischenergebnisse vorgestellt. Diskutiert werden Potentiale und Beschränkungen des Vorhabens, insbesondere vor dem Hintergrund von sozialpolitischen und leistungsrechtlichen Rahmenbedingungen auf der einen und den Gegebenheiten vor Ort sowie den Erwartungen von Pflegebedürftigen und Nachbarschaftshelfenden auf der anderen Seite.
Fragestellung: In Folge des Klimawandels treten länger andauernde Hitzeperioden immer häufiger auf. Insbesondere für pflegebedürftige Menschen sind Hitzeperioden Risikosituationen, die mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergehen können. Hitzeschutz in stationären Pflegeeinrichtungen wird damit zunehmend relevanter. Im Projekt „Hitzeschutzmaßnahmen in der stationären und ambulanten Pflege (HISTA)“, gefördert vom GKV-SV gemäß § 8 Abs. 3 SGB XI, untersuchen wir, welche Hitzeschutzmaßnahmen durch Pflegeeinrichtungen bislang umgesetzt werden. Darüber hinaus werden die wahrgenommenen Herausforderungen fokussiert.
Methodik: Maßnahmen und Modellprojekte zum Umgang mit Hitzeereignissen in stationären Pflegeeinrichtungen wurden mittels einer systematischen Literaturrecherche erhoben. Ergänzend wurden Experteninterviews zu Herausforderungen bei der Umsetzung durchgeführt. Auf dieser Basis wurden in einer bundesweiten schriftlichen Online-Erhebung Einrichtungsleitungen stationärer Pflegeeinrichtungen zur Bekanntheit von Empfehlungen zum Hitzeschutz, vorhandenen und geplanten Maßnahmen, Hürden bei der Umsetzung und Unterstützungsbedarfen befragt.
Ergebnisse: 282 Fragebögen wurden in die Auswertung mit einbezogen. Ein Großteil der Befragten sah Hitzeschutz als wichtiges Thema an. Vorgestellt werden Ergebnisse zu bereits umgesetzten, geplanten und nicht umgesetzten Hitzeschutzmaßnahmen im organisatorischen, pflegerischen und baulich-technischen Bereich. Herausforderungen wurden seitens der Befragten vor allem in der Umsetzung und Finanzierung von baulichen Maßnahmen gesehen. Deutlich wurde aber auch, dass die zahlreich vorhandenen Informationen, Schulungen und Fördermöglichkeiten zu Hitzeschutzmaßnahmen häufig nicht bekannt sind.
Zusammenfassung: Hitzeschutz in der stationären Pflege wird bereits in unterschiedlichen Bereichen umgesetzt. Wissen und Ressourcen, aber auch die Architektur sowie der Standort der Einrichtung beeinflussen die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Umsetzung. Nicht zuletzt müssen die Wünsche und Bedarfe der Bewohnenden bei der Umsetzung berücksichtigt werden.
Fragestellung: Die oft komplexen Bedarfe geriatrischer Patient*innen sowie kurze Krankenhausverweildauern verschärfen Schnittstellenprobleme bei der Entlassung älterer Menschen mit Pflegebedarf. Die Funktionsweise der sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung kann bei Akutereignissen (z. B. Stürzen) entscheidend für die weitere Lebensführung sein. Der Kurzzeitpflege (KZP) kommt dabei eine zentrale Rolle als „Weichenstellerin“ zu. In der Praxis bestehen jedoch Schwierigkeiten, den Bedarf an Rehabilitation und Versorgungsmanagement mit den vorhandenen Mitteln zu bewältigen – mit negativen Folgen für die Lebensführung der KZP-Nutzer*innen (z. B. ungewollter Übergang in die Dauerpflege oder Ausbleiben von Rehabilitationsmaßnahmen). Ziel der Studie war es, die Erfahrungen von Nutzer*innen mit dem Übergang aus dem Krankenhaus in die KZP zu erfassen.
Methodik: Im Rahmen einer Masterarbeit wurden acht problemzentrierte Interviews mit KZP-Nutzer*innen geführt. Die erhobenen Daten wurden mithilfe qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet und durch Fallzusammenfassungen ergänzt.
Ergebnisse: Es zeigte sich eine hohe Pluralität bei den Lebenslagen der Interviewten. Die Befragten konnten sich in den Strukturen der Gesundheitsversorgung oftmals schlecht orientieren und die Erfahrungen waren vielfach von Machtlosigkeit und Autonomieverlust geprägt. Die Nutzer*innen und ihre Angehörigen wurden mit vielfältigen organisatorischen Herausforderungen konfrontiert. In allen Fällen ließen sich Brüche im Versorgungsverlauf sowie Momente des Scheiterns in und an den Strukturen der Gesundheitsversorgung identifizieren.
Zusammenfassung: Der Versorgungsübergang aus dem Krankenhaus in die KZP birgt für die Nutzer*innen Risiken und die KZP kann ihrer Weichenstellerfunktion mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln oft nicht gerecht werden. Es zeigte sich eine hohe Dringlichkeit passgenauer Versorgungsverläufe, um das Risiko für Fehlversorgung zu minimieren und die wichtigen Potenziale der KZP passgenau einsetzen zu können.