Donnerstag, 18.09.2025

16:30 - 18:00

Hörsaal 3
 

S37

Innovative Behandlungskonzepte für unterversorgte Gruppen älterer Menschen mit psychischen Störungen

Moderation: E.-M. Kessler, Berlin; A. K. Risch, Jena

Die „Gesellschaft des längeren Lebens“ ist spürbar in den psychotherapeutischen Praxen angekommen. Es gehört heute zum beruflichen Alltag vieler Psychotherapeut:innen, dass sie ältere Patient:innen behandeln. Parallel dazu gibt es noch einen weiteren Trend: Die Palette von evidenzbasierten psychologischen Behandlungsansätzen, die auf die Besonderheiten des Lebens im Alter zugeschnitten sind, ist so vielfältig wie noch nie. Dieses Symposium gibt Einblick in verschiedene innovative Behandlungsansätze für bisher häufig unterversorgte Patientengruppen.

Die BerTA- Studie (Beratung und Therapie für pflegende Angehörige) untersucht die Wirksamkeit einer gestuften psychotherapeutischen Intervention für hochbelastete pflegende Angehörige unter Bedingungen der Routineversorgung, da wirksame psychosoziale Interventionen für diese Patientengruppe bisher kaum in die Routineversorgung implementiert wurden.

Im Projekt „IMuD-App“ (App-basierten individualisierte Musikintervention) wird erstmalig im häuslichen Pflegesetting im Rahmen einer randomisierten und kontrollierten Studie untersucht, ob durch eine individualisierte Musikintervention die Lebensqualität von Menschen mit Demenz, das Wohlbefinden der pflegenden Angehörigen und die dyadische Interaktion verbessert werden können.

Das Projekt BRIDGE (Behaviorale und körperliche Aktivierung für multimorbide, ältere Patient:innen mit depressiven Symptomen beim stationär-ambulanten Übergang) untersucht im Rahmen einer multizentrischen, randomisiert-kontrollierten Studie die Wirksamkeit einer aufsuchend-telemedizinischen Intervention, die sich an einen (teil-)stationären Klinikaufenthalt anschließt. Ziel ist es, die Versorgungslücke im Übergang zur ambulanten Behandlung zu überbrücken.

Das Projekt PANAMA (Psychotherapie aus der Innensicht alter und sehr alter Menschen) untersucht die Perspektive älterer Patient:innen auf psychotherapeutische Prozesse. In einer qualitativen Interviewstudie werden Erfahrungen mit ambulanter Richtlinienpsychotherapie im höheren Lebensalter analysiert. Erste Ergebnisse betonen die Bedeutung von Agency – verstanden als aktive Gestaltung und Nutzung des therapeutischen Raums vor dem Hintergrund der individuellen Lebensgeschichte.

16:30
Wirksamkeit einer gestuften psychotherapeutischen Intervention für pflegende Angehörige älterer Menschen: Reduktion der Depressivität und individuelle Zielerreichung
S37-1 

D. Rother, N. Wrede, N. Töpfer, K. Pfeiffer, G. Wilz; Jena, Stuttgart

Hintergrund: Pflegende Angehörige von Menschen mit chronischen Erkrankungen erleben belastende psychologische, körperliche, und soziale Folgen der Pflege. Trotz der enormen Bedeutung der Entlastung pflegender Angehöriger durch psychosoziale Interventionen, wurden wirksame Interventionen bisher kaum in die Routineversorgung implementiert. Die BerTA-Studie (Beratung und Therapie für pflegende Angehörige) untersuchte die Wirksamkeit einer gestuften psychotherapeutischen Intervention für pflegende Angehörige unter Bedingungen der Routineversorgung. Neben standardisierten Ergebnismaßen wurde auch die individuelle Zielerreichung pA erfasst.

Methode: In einer pragmatischen randomisiert-kontrollierten Studie wurden pA von älteren Menschen (N = 437) entweder der Interventionsgruppe oder einer Kontrollgruppe zugeordnet. Die Interventionsgruppe erhielt zunächst eine niedrigschwellige problemlöseorientierte Pflegeberatung. Nach einem Re-Screening der Belastung der pA, nahmen hochbelastete Angehörige an einer telefonischen kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) teil, die 12 Telefonkontakte á 50 Minuten über 6 Monate umfasste. Depressivität (CES-D) wurde zur Baseline sowie nach 3, 9 und 15 Monaten erhoben. Zur Erfassung der Zielerreichung wurde das Goal Attainment Scaling (GAS) eingesetzt.

Ergebnisse: Die Interventionsgruppe zeigte eine signifikant reduzierte Depressivität auf. Analysen der klinischen Signifikanz individueller Veränderung zeigen sowohl eine erhöhte Remissionsrate von klinisch depressiven Symptomen als auch eine verringerte Rate von neuen Fällen klinischer Depressivität in der Interventionsgruppe. 65,1% der pA gaben an, bei mind. einem ihrer persönlichen Ziele den Zielzustand vollständig erreicht zu haben; 30,2% gaben eine leichte Verbesserung an; bei 2,3% wurde der Ausgangszustand beibehalten und bei 2,3% zeigte sich eine Verschlechterung im Vergleich zum Ausgangszustand. Die Übereinstimmung zwischen der Selbst- und Therapeut*inneneinschätzung fiel hoch aus (r = ,833 p <. 001).

Diskussion: Gestufte Interventionen, die niedrigschwellige Pflegeberatung und KVT kombinieren, können unter Routinebedingungen wirksam Depressivität bei pA reduzieren und sollten in die Regelversorgung implementiert werden. Individuelle Ziele der pA konnten in hohem Ausmaß erreicht werden. Aufgrund der Heterogenität der von pA erlebten Belastungen sollte die individuelle Zielerreichung als relevantes Erfolgsmaß in Evaluationsstudien erhoben werden.

16:50
Individualisierte Musik für Menschen mit Demenz in der häuslichen Pflege – Ergebnisse einer App-basierten Musikintervention („IMuD-App“)
S37-2 

S. Geßner, D. Rother, L. Schön, T. Kalytta, L. Weise, G. Wilz; Jena

Hintergrund: Demenzerkrankungen zeichnen sich durch eine komplexe Symptomatik aus. Neben kognitiven Defiziten sind es insbesondere verhaltensbezogene Symptome wie Unruhe, Angst oder depressive Verstimmungen, die eine hohe psychische Belastung sowohl für Betroffene selbst als auch für pflegende Angehörige mit sich bringen. Vor dem Hintergrund der zumeist häuslich stattfindenden Pflege durch Angehörige stellt sich die Frage nach adäquaten Versorgungsansätzen. Im Kontext stationärer Pflege konnte das Potenzial individualisierter Musikhörinterventionen (IM) herausgestellt werden. Da bislang keine kontrollierten Studien zu rezeptiven Musikinterventionen im häuslichen Pflegesetting vorliegen, untersucht die vorliegende Studie, ob durch IM die Lebensqualität von Menschen mit Demenz, das Wohlbefinden der pflegenden Angehörigen und die dyadische Interaktion verbessert werden können.

Methode: Teilnehmende Dyaden (MmD und pflegende Angehörige) der randomisiert-kontrollierten Studie werden zufällig der Interventions- (IG) oder Kontrollgruppe (KG, Standardversorgung) zugeordnet. Für die IG wird über 6 Wochen hinweg individualisierte Musik über eine Tablet-App bereitgestellt. Alle Dyaden füllen zu vier Messzeitpunkten Paper-Pencil-Fragebögen aus und geben über das Tablet tägliche Einschätzungen zu Stimmung, Aktivierung und Beziehungsqualität ab. Bei Hausbesuchen werden Verhaltensbeobachtungen und Haarprobenentnahmen durchgeführt. Das primäre Outcome ist die individuelle Zielerreichung für die MmD. Sekundäre Outcomes beinhalten Aspekte des Wohlbefindens sowie der Beziehungsqualität von MmD und pflegenden Angehörigen, die durch Selbst- und Fremdeinschätzungen abgebildet werden.

Ergebnisse: Insgesamt konnten 102 Dyaden in die Studie eingeschlossen werden. In der IG zeigt sich eine gute Durchführbarkeit und hohe Zufriedenheit mit der app-gestützten individualisierten Musikhörintervention. Erste Analysen deuten auf positive Auswirkungen des Musikhörens hinsichtlich der erfassten Endpunkte hin. Weiterführende Ergebnisse sollen präsentiert werden.

Diskussion: Musikhörinterventionen können ein wichtiges Unterstützungsangebot für die häusliche Pflege von Menschen mit Demenz sein und sollten in zukünftigen Versorgungsansätzen gezielter berücksichtigt werden.

17:10
BRIDGE: Behaviorale und körperliche Aktivierung für multimorbide, ältere Patient:innen mit depressiven Symptomen beim stationär- ambulanten Übergang
S37-3 

V. Ludwig, A. Wuttke, K. Geschke, C. Voelcker-Rehage, E.-M. Kessler; Berlin, Konstanz, Mainz, Münster

Das Innovationsfondsprojekt BRIDGE untersucht im Rahmen einer pragmatischen, multizentrischen randomisiert-kontrollierten Studie die Wirksamkeit einer alltagsnahen Aktivierungsintervention für ältere, multimorbid erkrankte Personen ab 65 Jahren, die unter depressiven Symptomen leiden.

Die Intervention wurde gezielt so entwickelt, dass sie unmittelbar an eine (teil-)stationäre Behandlung anknüpft. Hintergrund ist eine Versorgungslücke, die sich beim Übergang von stationären in ambulante Behandlungskontexte auftut. Daher ist es Ziel von BRIDGE, häufig auftretende Drehtüreffekte zu verhindern und gleichzeitig die psychische Gesundheit sowie die Lebensqualität der Teilnehmenden zu verbessern, eine Symptomprogression zu verhindern und Rückfällen vorzubeugen.

Das Aktivierungsprogramm wird in insgesamt sieben deutschen Studienzentren von multiprofessionellen Teams umgesetzt (geplante Stichprobengröße: 800 Studienteilnehmer:innen), die jeweils aus Psycholog:innen, Pflegefachkräften und Sportwissenschaftler:innen bestehen. Die 12-wöchige BRIDGE-Intervention verfolgt einen bedarfsgerechten, gestuften Behandlungsansatz (Basis- und Intensivversion), in dem Elemente der behavioralen Aktivierung mit einem bedarfsangepassten körperlichen Bewegungsprogramm kombiniert werden. Realisiert wird BRIDGE in einem aufsuchend-telemedizinischen Behandlungssetting, bestehend aus Hausbesuchen und Videotelefonaten. Ziel des innovativen Behandlungsansatzes ist es, gezielt positive Aktivitäten aufzubauen, wobei ein besonderer Fokus auch auf einer Steigerung der körperlichen Aktivität liegt.

Die Rekrutierung der Teilnehmenden begann im Januar 2025. Anknüpfend daran soll dieser Vortrag das Rational der BRIDGE-Intervention vorstellen, sowie einen Einblick in Projektabläufe sowie vorläufige Ergebnisse, bieten.

17:30
PANAMA – Psychotherapie aus der Innensicht alter und sehr alter Menschen
S37-4 

I. Fechau, E.-M. Kessler; Berlin

Es liegen bislang kaum Studien dazu vor, wie ältere Menschen Psychotherapie erleben. Ziel der vorliegenden qualitativen Studie ist es, dieses Defizit zu adressieren und Ansätze für eine bedarfsgerechte ambulante Psychotherapie für ältere und sehr alte Menschen zu entwickeln. Dazu wurden bislang 18 leitfadengestützte Interviews mit Menschen zwischen 67 und 86 Jahren geführt, die innerhalb der letzten fünf Jahre eine ambulante Psychotherapie aufgrund von klinischer Depression aufgesucht haben. Die Analyse erfolgt anhand der kritisch-konstruktivistischen Grounded-Theory-Methodologie und zielt auf eine Kategorisierung des berichteten Therapieerlebens, welche Prozesse, Kontexte und Dynamiken sichtbar macht.

Drei zentrale Themenfelder wurden identifiziert: (1) Therapie als Raum zur Bewältigung von Krisen, zur biografischen Reflexion und Neugestaltung; (2) die therapeutische Beziehung als Spannungsfeld zwischen persönlicher Nähe und Professionalität; (3) Agency als zentrale Dynamik über den gesamten Therapieverlauf.

Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Therapie dann als hilfreich erlebt wird, wenn innere und äußere Hürden überwunden und individuelle biografische Erfahrungen ernst genommen werden. Die Förderung von Selbstwirksamkeit und ein vertrauensvoller Rahmen sind zentrale Bedingungen erfolgreicher Psychotherapie im höheren Lebensalter. Die als unterstützend erlebte nahe Beziehungsgestaltung sowie die entlastende Funktion des Gesprächs stellen Besonderheiten dar, die eine Neubetrachtung sowohl des Abstinenzbegriffs als auch der Zielsetzung von Psychotherapeut:innen erfordern könnten.

 
 
 

 

Diskutantin: A. Franke, Wiesbaden

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