Donnerstag, 18.09.2025
16:30 - 18:00
05.03.08
(Raum 2)
E32
Geschlecht, sexuelle Orientierung und soziale Ungleichheit
Moderation: A. Schmitz, Dortmund
Diese Studie untersucht geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei kognitiven Beeinträchtigungen in 26 europäischen Ländern, die wir in fünf Wohlfahrtsregime gruppiert haben. Anhand von linearen Wahrscheinlichkeitsmodellen auf Grundlage des Survey of Health, Ageing, and Retirement in Europe (SHARE) analysieren wir Geschlechterunterschiede bei kognitiven Beeinträchtigungen sowie die Rolle von sozialen Netzwerken, Gesundheit und sozioökonomischen Bedingungen zur Erklärung dieser Unterschiede.
Die Prävalenz kognitiver Beeinträchtigungen variiert stark zwischen den Wohlfahrtsregimen. Sie ist in den postsozialistischen und südlichen Regimen höher als in den sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Regimen. Frauen sind im sozialdemokratischen, konservativen und postsozialistischen Wohlfahrtsregime in geringerem Maße von kognitiven Beeinträchtigungen betroffen als Männer, zeigen jedoch eine höhere Beeinträchtigung im südlichen Regime. Soziale Netzwerke haben generell eine protektive Wirkung: Eine Partnerschaft, Kinder, die Anzahl der FreundInnen und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten reduzieren das Risiko kognitiver Beeinträchtigungen. Im Gegensatz dazu sind eine schlechte Gesundheit, depressive Symptome, ein niedriger Bildungsstand und finanzielle Schwierigkeiten mit einem höheren Risiko verbunden. Die Berücksichtigung sozialer Netzwerke, (psychischer) Gesundheit, Bildung und finanzieller Schwierigkeiten verringerte die Unterschiede zwischen Regimen und Geschlechtern erheblich. Dennoch bleiben sowohl die höhere Prävalenz kognitiver Beeinträchtigungen in den südeuropäischen Ländern als auch die höhere Betroffenheit von Frauen im südlichen Wohlfahrtsregime bestehen.
Unsere Ergebnisse unterstreichen die Rolle kontextueller Faktoren für gesundes kognitives Altern und betonen das Potenzial, soziale Determinanten (wie soziale Netzwerke und sozioökonomische Ungleichheiten) und eine reduzierte (psychische) Gesundheit zu adressieren, um kognitive Beeinträchtigungen in alternden Gesellschaften zu reduzieren.
Alter(n) und Bisexualität sind in ihrem Zusammenspiel als Differenzkategorien von chrononormativen, heteronormativen und monosexuellen Annahmen durchdrungen. Chrononormative Vorstellungen verorten vermeintlich stabile alterskodierte Praktiken häufig in eine zeitliche, zumeist heteronormative Ordnung. Nicht-heteronormative Lebensentwürfe von LSBTIQ*-Menschen und damit verbundene Vorstellungen von Alter(n) werden so nicht nur als das deviante „Andere“ markiert, sondern geraten teilweise gar nicht erst in den Blick. Monosexuelle Annahmen führen zusätzlich dazu, dass Bisexualität als geschlechterübergreifendes Begehren unsichtbar bleibt (bi-erasure) oder übersehen wird. Somit werden Lebensverläufe und -entwürfe von bisexuellen Menschen und spezifische Erfahrungen ihres Älterwerdens empirisch als auch theoretisch kaum erfasst. Denn während Bisexualität in der Alter(n)sforschung selten beleuchtet oder teilweise unter homosexuelles Begehren subsumiert und damit in ein binäres und monosexistisches Muster eingeordnet wird, ist umgekehrt Alter(n) in der Bisexualitätsforschung ein marginales Thema. Obwohl beide Disziplinen für intersektionale Perspektiven plädieren, gehen aus der gemeinsamen Betrachtung beider Differenzkategorien epistemische Leerstellen hervor, die eine vertiefte Auseinandersetzung erforderlich macht. Welche Konsequenzen folgen, wenn eine gesellschaftlich wachsende Gruppe und deren Lebensentwürfe in der Wissensproduktion kaum adressiert werden, unsichtbar bleiben oder gar unsichtbar gemacht werden?
Grundlage des Vortrages bilden theoretische Auseinandersetzungen des laufenden Promotionsprojektes. Im Rahmen des Vortrags sollen Überlegungen der sozialwissenschaftlichen Alter(n)sforschung und der Bisexualitätsforschung eingeordnet, zusammengeführt und diskutiert werden, um so erkenntnistheoretische Leerstellen zu benennen. Welche Bedeutung hat es, Bisexualität als eigenständige sexuelle Orientierung in der Alter(n)sforschung zu betrachten? Wie und was können Alter(n)sforschung und Bisexualitätsforschung voneinander lernen? Wo sind Anknüpfungspunkte einer intersektionalen theoretischen und interdisziplinären Annäherung?
Hintergrund: Mit dem demografischen Wandel in Deutschland steigt die Zahl älterer Menschen mit Unterstützungsbedarfen. Für ihr Wohlbefinden spielen soziale Beziehungen sowie sozio-ökonomische Ressourcen eine zentrale Rolle. Diese Ressourcen sind jedoch ungleich verteilt – unter anderem aufgrund struktureller Benachteiligungen im Lebensverlauf. Lesbische, schwule und bisexuelle (LSB) Menschen über 50 Jahren sind hiervon besonders betroffen, etwa durch frühere Kriminalisierung und Pathologisierung. Daher stellen sich folgende drei Fragen: Erstens, wie unterscheiden sich die sozialen und sozio-ökonomischen Ressourcen zwischen LSB und heterosexuellen Personen mit Unterstützungsbedarfen? Zweitens, wie ist der Zusammenhang dieser Ressourcen mit der jeweiligen Lebenszufriedenheit? Drittens, gibt es systematische Unterschiede?
Daten und Methoden: Anhand von 5 Wellen (2008; 2011; 2014; 2017; 2020/21) des Deutschen Alterssurveys (DEAS) wird zunächst auf die jeweils verfügbaren Ressourcen und die statistische Signifikanz der Unterschiede zwischen den Gruppen eingegangen. Dabei werden lediglich Personen im Sample behalten, die 50 Jahre oder älter sind und angeben mindestens eine Einschränkung in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) aufzuweisen. Anschließend wird in zwei getrennten Modellen mit POLS-Schätzungen der jeweilige Zusammenhang der sozialen und sozio-ökonomischen Ressourcen auf die Lebenszufriedenheit geschätzt.
Ergebnisse: Es zeigen sich insbesondere Unterschiede in der Verfügbarkeit von Ressourcen wie dem Einkommen, dem Zusammenleben mit Partner:in und sehr guten Freundschafts- und Familienbeziehungen. Dabei sind es insbesondere diese Ressourcen die bei Menschen mit Unterstützungsbedarfen im positiven Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit stehen.
Diskussion: Zur Förderung der Lebenszufriedenheit von älteren LSB mit Unterstützungsbedarfen sollte an der Sensibilisierung von institutionellen Serviceangeboten gearbeitet werden, um älteren LSB mit weniger guten sozialen Netzwerken auf diese Weise einen barrierearmen Zugang zu benötigten Unterstützungsleistungen zu ermöglichen. Zudem sind gesamtgesellschaftliche Bemühungen notwendig um zukünftig Benachteiligungen im Lebenslauf aufgrund der sexuellen Orientierung gar nicht erst entstehen zu lassen und für eine offene Gesellschaft einzustehen.
Studien zeigen, dass sich Engagement positiv auf das Wohlbefinden auswirken und Gefühlen sozialer Ausgrenzung entgegenwirken kann. Dies kann gerade im Ruhestand, wenn die soziale Einbettung über den Erwerbskontext in der Regel nicht mehr gegeben ist, von Bedeutung sein und ist insbesondere für formell organisierte Engagementformen wie Ehren- oder Wahlämter belegt. In den letzten Jahrzehnten zeichnet sich allerdings ein Trend zu eher informellen Engagementformen in Projekten oder Initiativen ab.
Der Beitrag untersucht, inwieweit formelles und informelles Engagement mit verringerten Gefühlen sozialer Ausgrenzung im Ruhestand einhergehen und welche Rolle sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen hierbei zukommt. Dabei wird ein Fokus auf mögliche Unterschiede zwischen verschiedenen Bildungsgruppen gelegt. Es werden Daten des Freiwilligensurveys (FWS) 2019 verwendet, welcher die Differenzierung zwischen den verschiedenen Formen freiwilligen Engagements ermöglicht. Anhand linearer Wahrscheinlichkeitsmodelle wird der Einfluss formellen und informellen Engagements auf wahrgenommene soziale Exklusion geschätzt.
Die ersten Ergebnisse zeigen, dass freiwilliges Engagement und wahrgenommene soziale Exklusion negativ assoziiert sind; Personen, die sich im Ruhestand engagieren, fühlen sich seltener von der Gesellschaft ausgeschlossen als Personen, die sich nicht engagieren. Dieser Zusammenhang zeigt sich besonders ausgeprägt bei Personen mit niedriger Bildung. Bei Personen mit mittlerer oder höherer Bildung lässt sich ein Zusammenhang zwischen formellem Engagement und wahrgenommener sozialer Exklusion feststellen. Bei Personen mit niedriger Bildung besteht zusätzlich ein Zusammenhang zwischen informellen Engagementformen und wahrgenommener Exklusion.
Die Befunde legen den Schluss nahe, dass Engagement einen Beitrag zur sozialen Teilhabe im Ruhestand leisten und vor Gefühlen sozialer Ausgrenzung schützen kann. Besonders Personen mit niedriger Bildung scheinen hiervon zu profitieren. Um ungleichen Teilhabechancen im Alter entgegenzuwirken, sollten Maßnahmen zur Förderung des freiwilligen Engagements älterer Menschen verstärkt auch bildungsferne Menschen, die sich bislang zu unterdurchschnittlichen Anteilen engagieren, adressieren.
Mit dem demografischen Wandel wird die Lebensphase Alter zu einem immer bedeutenderen Abschnitt im Lebensverlauf – und stellt neue Anforderungen an individuelle Vorbereitung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Dieser Beitrag untersucht auf Basis des Deutschen Alterssurveys (DEAS) 2023, inwieweit sich die Menschen in Deutschland auf das Alter vorbereiten. Wie sorgen sie finanziell vor? Leben sie bereits in barrierearmen Wohnungen oder planen sie einen Umzug in altersgerechte Wohnformen? Haben sie rechtliche Vorsorge getroffen durch Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten oder Betreuungsverfügungen? Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Ungleichheiten in der Vorbereitung aufs Alter zwischen sozioökonomischen Gruppen bestehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass 86 % der 45-64-Jährigen auf individuell finanziell vorsorgen, etwa über Wohneigentum, Versicherungen oder Aktien. Hingegen verfügen 14 % über keine private, zusätzliche Altersvorsorge. Dabei ist die individuelle finanzielle Vorsorge stark von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst. Bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau oder aus armutsgefährdeten Haushalten ist der Anteil ohne private finanzielle Vorsorge deutlich erhöht (28 % bzw. 46 %).
Auch bei der Wohnsituation offenbaren sich Herausforderungen: Nur 16 % der 45- bis 90-Jährigen leben in barrierearmen Wohnungen. Zwar lebten Personen der ältesten Altersgruppe (80-90 Jahre) und Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen leicht überdurchschnittlich in barrierearmen Wohnung (28 % bzw. 19 %), doch auch von ihnen lebte eine klare Mehrheit nicht barrierearm. Nur 10 % der Menschen im Alter ab 65 Jahren zogen einen Umzug in eine altersgerechte Wohnung in Erwägung, 12 % den Umzug in Betreutes Wohnen und 8 % den Umzug in eine Seniorenresidenz.
Bei der vorausschauenden rechtlichen Vorsorge zeigt sich ein ähnliches Bild: Zwar haben Personen in höheren Altersgruppen zu größeren Anteilen Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten oder Betreuungsverfügungen, jedoch verfügen insgesamt nur 26 % über alle drei Dokumente. Personen mit höherem Einkommen sowie Personen, die in Partnerschaft leben, sind hier besser versorgt.
Die Analyse macht deutlich: Altersvorsorge in verschiedenen Lebensbereichen ist eine Frage sozialer Ungleichheit: Personen mit geringer Bildung, niedrigem Einkommen oder ohne Partnerschaft sind schlechter auf das Alter vorbereitet – mit möglichen Konsequenzen für Lebensqualität und Selbstbestimmung in dieser Lebensphase.