Freitag, 19.09.2025
09:15 - 10:45
05.03.201
(Raum 3)
S43
Facetten des Alterns: Befunde der deutschlandweit repräsentativen Studien DEAS und D80+
Moderation: J. Zimmermann, Köln; S. Stuth, Berlin
Hintergrund: In Anlehnung an das Modell „COntext Dynamics in Aging“ (Wahl & Gerstorf 2018) wird in diesem Symposium das Altern als dynamischer Prozess verstanden, der durch ein ständiges Wechselspiel zwischen individuellen Ressourcen und Kontextbedingungen geprägt ist. Unter Kontextbedingungen werden unterschiedliche Phänomene, Ereignisse und Kräfte verstanden, die außerhalb einer Person auftreten und diese über die Zeit hinweg beeinflussen. Vor diesem Hintergrund befassen sich die Beiträge dieses Symposiums mit der Rolle der individuellen Ressourcenlagen und Kontextbedingungen für die Lebensqualität im Alter.
Methode: Grundlage der Analysen bilden Daten aus der Studie „Hohes Alter in Deutschland“ (D80+) sowie des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Die Studienpopulation von D80+ umfasst insgesamt 10.578 Personen ab 80 Jahren in Privathaushalten und Pflegeeinrichtungen, befragt von November 2020 bis Oktober 2021. Der DEAS ist eine kombinierte Querschnitts- und Panelbefragung, an der bislang insgesamt 21.760 Personen ab 40 Jahren (wiederholt) teilgenommen haben. Der Deutsche Alterssurvey wird seit 1996 im Abstand von sechs bzw. drei Jahren durchgeführt.
Ergebnisse: Die Ergebnisse der Beiträge verdeutlichen, dass das Altern auch im hohen und sehr hohen Lebensalter durch anhaltende soziale Ungleichheiten geprägt ist. Gleichzeitig zeigt sich, dass insbesondere wahrgenommene soziale Ressourcen bedeutsame Schutzfaktoren für die Lebensqualität im Alter darstellen.
Fragestellung: Individuelle Anomie-Erfahrungen spiegeln ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, das durch schnellen gesellschaftlichen Wandel verursacht wird. Damit einhergehende Modernisierungsprozesse können insbesondere für hochaltrige Menschen herausfordernd sein. Spannungen auf Ebene der Sozialstruktur, der Werte und Normen sowie der sozialen Bindungen können dazu führen, dass die Möglichkeiten für Teilhabe, Zugehörigkeit und soziale Anerkennung als gefährdet wahrgenommen werden. Der Beitrag analysiert vor diesem Hintergrund Anomie-Erfahrungen hochaltriger Menschen, mögliche Einflussfaktoren und ihre Folgen für soziale Partizipation.
Methodik: Mithilfe der für die Bevölkerung ab 80 Jahren repräsentativen Daten des Surveys „Hohes Alter in Deutschland – D80+“ wird untersucht (Strukturgleichungsmodell), in welchem Zusammenhang individuelle Anomie-Erfahrungen mit sozioökonomischen und gesundheitlichen Ressourcen (Bildung, Einkommen, funktionale Gesundheit), individuellen Werten (Selbsttranszendenz) und sozialen Rollen (Partnerschaft, Elternschaft, Freundschaft) stehen und wie diese Anomie-Erfahrungen mit sozialer Partizipation (Zeit mit anderen verbringen, soziale Unterstützung geben) assoziiert sind.
Ergebnisse: Anomie-Erfahrungen sind unter sehr alten Menschen in Deutschland weit verbreitet. Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass sie mit einem niedrigeren Bildungs-, Einkommens- und Gesundheitsniveau, individuellen Werten der Selbsttranszendenz und weniger sozialen Rollen in Verbindung stehen. Die soziale Partizipation ist niedriger für hochaltrige Menschen, die stärkere Anomie-Erfahrungen berichten. Es zeigen sich zudem indirekte, über Anomie vermittelte Effekte der sozioökonomischen und gesundheitlichen Ressourcen auf die soziale Partizipation.
Zusammenfassung: Entsprechend der theoretischen Vorannahmen können Anomie-Erfahrungen hochaltriger Menschen in Deutschland durch Spannungen auf sozialstruktureller, institutioneller und sozialemotionaler Ebene erklärt werden. Die Ergebnisse weisen zudem darauf hin, dass Anomie-Erfahrungen mit einer geringeren sozialen Beteiligung im hohen Alter einhergehen können und dazu beitragen, insbesondere den Zusammenhang von Einkommen und sozialer Partizipation zu vermitteln.
Fragestellung: Die Altersberichtskommission hat in ihrem jüngsten Gutachten festgestellt, dass erhebliche Wissenslücken bezüglich der Teilhabechancen älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bestehen. Um diese Lücken möglichst effizient zu schließen, sollten zunächst vorhandene Daten bestmöglich ausgewertet werden. Die Studie „Hohes Alter in Deutschland (D80+)“ bietet eine einmalige Datenbasis zur Analyse der Teilhabechancen hochaltriger Menschen in Deutschland. Ziel dieses Beitrags ist es herauszuarbeiten, welche Möglichkeiten die Daten für Analysen zu Migration und Teilhabe bieten.
Methodik: An der Studie D80+ haben deutschlandweit insgesamt 10.578 Personen im Alter von 80 Jahren und älter teilgenommen. Dies schließt Personen mit Zuwanderungsgeschichte selbstverständlich mit ein. Die wichtigsten Informationen zur Lebenssituation und Lebensqualität wurden per Fragebogen oder auf Wunsch telefonisch erfragt (Modul 1). Anschließend haben sich 3.233 Personen bereit erklärt, vertiefende Fragen in einem umfassenden Telefoninterview zu beantworten (Modul 2). Alle Befragungen fanden auf Deutsch statt. Ein Oversampling nach Staatsangehörigkeit oder Migrationserfahrung und ein diversitäts-sensibles Design wurden nicht implementiert.
Ergebnisse: Der D80+-Datensatz umfasst 490 Personen (4,5%), die nach 1950 auf das Gebiet des heutigen Deutschlands zugewandert sind. Weitere 17,2 % sind außerhalb des heutigen Deutschlands geboren, aber vor 1949 oder zu einem unbekannten Zeitpunkt zugewandert, sodass ihnen keine Migrationsgeschichte zugeschrieben wird. Erste Ergebnisse weisen auf auch im hohen Alter fortbestehende Ungleichheiten in den Teilhabechancen hin. Dies konnte unter anderem für die Bereiche Wohnsituation, Bildung, Einkommen, Wertschätzung und Gesundheit gezeigt werden.
Diskussion: Mit 4,5% sind Personen mit Zuwanderungsgeschichte etwas weniger repräsentiert als laut Mikrozensus für diese Altersgruppe zu erwarten wäre (7,1%). Bei Analysen zu Teilhabechancen von Hochaltrigen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte sind Kompositionseffekte und Selektionseffekte (selektive Studienteilnahme, Mortalität bzw. Rückkehr) stets zu berücksichtigen. Diese Effekte legen eher eine Unterschätzung der ungleichen Teilhabechancen nahe. Dass sich dennoch Unterschiede finden lassen, spricht für deren anhaltende Relevanz.
<p><strong>Hintergrund: </strong>In vielen Industrieländern ist eine deutliche Zunahme sehr alter Menschen zu verzeichnen. Insbesondere Hundertjährige rücken aufgrund ihrer außergewöhnlichen Langlebigkeit zunehmend in den Fokus. Aufgrund erheblicher gesundheitlicher Einschränkungen gehören sie jedoch zu den schwer befragbaren Personen, die häufig aus den repräsentativen Befragungen ausgeschlossen werden. Die wenigen Befunde deuten darauf hin, dass Hundertjährige eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit an vielfältige Herausforderungen aufweisen. Dieser Beitrag untersucht, welche Rolle Ressourcen der Wohnumwelt für relevante Lebensqualitätsoutcomes bei Hundertjährigen in Deutschland spielen.</p>
<p><strong>Methode: </strong>Es wurden Daten der deutschlandweiten, repräsentativen Studie „Hohes Alter in Deutschland“ (D80+) verwendet, in der auch im Heim lebende sowie gesundheitlich stark eingeschränkte Personen über Proxy-Interviews erfasst wurden. Analysiert wurde eine Teilstichprobe von Personen im Alter von 95 Jahren und älter (N=499). Die Wohnumwelt wurde durch die wahrgenommene Zugänglichkeit der Wohnumgebung, die soziale Kohäsion und die Verbundenheit mit der Wohnumgebung operationalisiert. Als Lebensqualitätsoutcomes wurden Depressivität (DIA-S), physische Frailty (Fried et al. 2001) und positiver Affekt (PANAS) berücksichtigt. Für jedes Outcome wurde eine lineare Regressionsanalyse unter Berücksichtigung des komplexen Stichprobendesigns berechnet. Alle Analysen wurden mit gewichteten Daten durchgeführt. </p>
<p><strong>Ergebnisse: </strong>Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Hundertjährige im Durchschnitt zwei Depressivitätssymptome aufwiesen und zwei Frailty-Kriterien erfüllten. Zudem berichteten sie, positive Emotionen im Schnitt nur selten oder gelegentlich zu erleben. Die kontrollierten Regressionsmodelle zeigten übereinstimmend, dass eine höhere soziale Kohäsion in der Nachbarschaft mit besseren Lebensqualitätsoutcomes assoziiert war. Darüber hinaus war eine höhere wahrgenommene Zugänglichkeit der Wohnumgebung mit weniger Depressivitätssymptomen verbunden.</p>
<p><strong>Diskussion</strong>: In Übereinstimmung mit theoretischen Annahmen der Ökogerontologie deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass kontextuelle Ressourcen einen wesentlichen Beitrag zur Lebensqualität im höchsten Alter leisten. Die soziale Einbindung in der Nachbarschaft erwies sich dabei als ein zentraler Schutzfaktor für die Anpassungsfähigkeit der Hundertjährigen in Deutschland.</p>
Ältere Menschen berichten oft über eine gute subjektive Gesundheit, obwohl sich ihre funktionale Gesundheit verschlechtert (Spuling, Wurm, Wolf, & Wünsche, 2017). Die Diskrepanzen werden möglich, weil Individuen Bewertungen ihrer körperlichen und funktionalen Gesundheit mit der Bewertung ihrer allgemeinen Lebenssituation kombinieren (Jylhä 2009). Diese Faktoren kompensieren die sich verschlechternde objektive Gesundheit. Komfort und Glück werden theoretisch auch aus sozialen Beziehungen und kreativen und sozialen Aktivitäten gezogen, statt aus dem physischen Komfort allein (Peck, 1968, S. 91). Während der Corona-Pandemie wurden jedoch fast alle sozialen und kulturellen Aktivitäten eingestellt. Der moderierende Einfluss sozialer Beziehungen und sozialer Aktivitäten auf den Zusammenhang zwischen funktionaler Gesundheit und subjektiver Gesundheit ist durch die Corona Schutzmaßnahmen ausgeschlossen. Damit sollte sich die Bewertung der subjektiven Gesundheit an die Bewertung der funktionalen Gesundheit angleichen.
Die Analysen basieren auf dem Deutschen Alterssurvey (DEAS). Der DEAS ist eine bundesweit repräsentative kohortensequenzielle Panelbefragung der Wohnbevölkerung in der zweiten Lebenshälfte (40 Jahre und älter). Wir nutzen die Längsschnittdaten der Jahre 2014, 2017 und 2020/21 als balanced Panel, um auf moderierende Effekte von Zeit und Sozialkapital auf den Zusammenhang zwischen funktionaler Gesundheit und subjektiver Gesundheit zu testen.
Wir finden den angenommenen Effekt bei älteren Befragten, deren soziales Netzwerk hauptsächlich aus Freunden besteht und die in ihrer Freizeit sehr aktiv waren. Für sozial wohlhabende Ältere wurden die Vorteile des Sozialkapitals zu einem Stolperstein. Ältere Befragte mit geringem Sozialkapital oder einem sozialen Netzwerk, das sich auf die Familie konzentriert, waren jedoch nicht betroffen.