Donnerstag, 18.09.2025

11:00 - 12:30

05.03.201
(Raum 3)

S13

Empirische Befunde zur Pluralisierung und Bewertung paarbezogener Lebensformen im höheren Alter

Moderation: L. Bischoff, Frankfurt a. M.

Im höheren Alter ist die Verteilung paarbezogener Lebensformen nicht nur sozial strukturiert. Vielmehr wird – insbesondere in dieser Lebensphase – das Leben in Paarbeziehungen häufig als Ressource interpretiert, wohingegen die Partner:innenlosigkeit mit zahlreichen Risiken assoziiert wird. Doch inwiefern die jeweilige Lebensform einen protektiven oder risikobehafteten Effekt entfaltet, wird maßgeblich davon beeinflusst, wie die Paarbeziehung oder Partner:innenlosigkeit bewertet wird. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass mit dem Älterwerden von Kohorten, die im Kontext der Frauenbewegung, der Bildungsexpansion und der zunehmenden (rechtlichen) Gleichberechtigung sozialisiert wurden, paarbezogene Lebensformen im höheren Alter zunehmend pluraler, traditionelle Paarbeziehungsverläufe zunehmend abgelöst und die protektiven oder risikobehafteten Effekte in Frage gestellt werden.

Die bisherige Forschung setzt sich jedoch wenig damit auseinander, wie sich die zunehmende Pluralisierung in Paarbeziehungsverläufen manifestiert, wie sich dabei die Bewertung der eigenen Lebensform veränderte und wie die Pluralisierung mit der Bedeutung, die paarbezogenen Lebensformen im höheren Alter zugeschrieben wird, zusammenspielt. Daher setzt sich das Symposium mit folgenden Fragen auseinander:

  • Inwieweit kann eine Pluralisierung von paarbezogenen Lebensformen und Paarbeziehungsverläufen im höheren Alter beobachtet werden? Welche Lebensformen etablieren sich in diesem Wandlungsprozess? Was charakterisiert beispielsweise die ‚neue‘ Lebensform ‚Living-Apart-Together’? Wie sind der Wandlungsprozess selbst und die ‚neuen‘ Lebensformen sozial strukturiert?
  • Wie verändert sich die Bewertung der eigenen paarbezogenen Lebensform, wenn sich deren Umstände oder Kontextbedingungen verändern? Welche Auswirkungen hat beispielsweise das Entstehen einer Pflegebedürftigkeit innerhalb einer Paarbeziehung für die Qualität derselben? Oder wie entwickelt sich die Bewertung der eigenen Partner:innenlosigkeit, wenn der Wunsch nach einer neuen Paarbeziehung verschwindet?

Die Beiträge basieren auf dem Deutschen Alterssurvey (DEAS), der gleichermaßen eine längsschnittliche Analyse von paarbezogenen Lebensformen und eine differenzierte Operationalisierung des Paarbeziehungsstatus erlaubt.

11:00
Getrennt leben, gemeinsam altern: Living-Apart-Together als Ausdruck veränderter Beziehungsmuster in der zweiten Lebenshälfte
S13-1 

M. Drewitz; Berlin

Fragestellung: Living-Apart-Together (LAT)-Beziehungen – romantische Partnerschaften mit getrennten Haushalten – stellen eine bisher wenig beachtete, aber zunehmend relevante Lebensform in der zweiten Lebenshälfte dar. Sie bewegen sich zwischen Kategorien wie „verheiratet/zusammenlebend“ und „alleinstehend“ und fordern damit gängige demografische Klassifikationen heraus. Personen in LAT-Beziehungen werden häufig fälschlich als alleinstehend erfasst, obwohl ihre Lebensrealität durch bedeutungsvolle romantische Bindungen geprägt ist. Der Beitrag untersucht die Verbreitung und sozialen Determinanten von LAT-Partnerschaften in der zweiten Lebenshälfte und fragt, inwieweit diese Beziehungsform spezifische demografische Muster aufweist.

Methodik: Die Analyse basiert auf den Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Die Prävalenz von LAT-Beziehungen wird deskriptiv in der Altersgruppe 40+ bestimmt. In multivariaten Modellen werden Zusammenhänge mit der Soziodemografie geprüft, um die soziale Einbettung dieser Beziehungsform differenziert zu erfassen.

Ergebnisse: Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass über 5?% der Personen ab 43 in einer LAT-Beziehung leben. LAT-Beziehungen sind im mittleren Erwachsenenalter am häufigsten. Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil an LAT-Partnerschaften, während der Anteil an Personen ohne Partner:in steigt.? LAT-Beziehungen sind bei höher gebildeten Personen überdurchschnittlich häufig vertreten. Rund die Hälfte der LAT-Personen wünscht sich ein Zusammenziehen, wobei Männer diesen Wunsch häufiger äußern als Frauen.

Zusammenfassung: Der Beitrag macht eine bislang wenig beachtete Form partnerschaftlicher Intimität im Alter sichtbar, die Autonomie und emotionale Nähe miteinander verbindet. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, bestehende demografische Kategorien zu überdenken und um nicht-institutionalisierte Beziehungsformen zu erweitern. LAT-Beziehungen sollten stärker in Forschung, Statistik und sozialpolitischen Diskursen berücksichtigt werden, um den vielfältigen Lebensrealitäten älterer Menschen gerecht zu werden.

11:20
Zur Gleichzeitigkeit sich wandelnder Normalität und stabiler Persistenz von Paarbeziehungsverläufen und -übergängen in der zweiten Lebenshälfte
S13-2 

L. Bischoff; Frankfurt a. M.

Fragestellung: Mit der Veränderung der zeitlichen Orientierung im Lebenslauf aufgrund des demografischen Wandels kann eine zeitliche Verschiebung hinsichtlich des Timings und der (antizipierten) Dauer von Paarbeziehungen und Partner:innenlosigkeit vermutet werden, die womöglich auch mit einer Heterogenisierung von Paarbeziehungsverläufen und -übergängen in der zweiten Lebenshälfte einhergeht. Die bisherige Forschung zu intra-individuellen Paarbeziehungsverläufen konzentriert sich meist auf frühere Lebensphasen, wohingegen die Forschung zur zweiten Lebenshälfte die historische Entwicklung der inter-individuellen Verteilung des Paarbeziehungsstatus fokussiert. Gleichzeitig übersehen zahlreiche Studien durch die Anwendung einer institutionellen Definition den sozialen Paarbeziehungsstatus.

Der Beitrag fragt, wie sich Paarbeziehungsverläufe in der zweiten Lebenshälfte über die historische Zeit veränderten und wie Paarbeziehungsübergänge – Verwitwung, Scheidung, Trennung und (Wieder-)Verpartnerung – darin eingebettet sind.

Methodik: Basierend auf einer Sequenzmuster- und Clusteranalyse des Deutschen Alterssurveys (1996-2023) werden Paarbeziehungsverläufe ab dem 40. Lebensjahr beschrieben und Übergänge typisiert. Es wird eine Kombination aus institutioneller und sozialer Definition des Paarbeziehungsstatus angewendet.

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass die Ehe die dominante Lebensform und die Verwitwung den häufigsten Übergang in der zweiten Lebenshälfte darstellt. Die meisten Paarbeziehungsverläufe sind durch einen gleichbleibenden Paarbeziehungsstatus gekennzeichnet. Der Vergleich der aufeinanderfolgenden Kohorten (1910-1969) zeigt eine zunehmende Heterogenisierung von Paarbeziehungsverläufen, die differenzierter werden und von Übergängen, die pluraler werden. Diese Entwicklung ist sozial strukturiert.

Zusammenfassung: Der Beitrag knüpft an die bisherige Forschung zu Paarbeziehungen in der zweiten Lebenshälfte an und erweitert sie durch einen Fokus auf intra-individuelle Paarbeziehungsverläufe und -übergänge sowie eine detaillierte Definition des Paarbeziehungsstatus, die nicht-institutionalisierte Lebensformen sichtbar macht. Er verweist auf die Gleichzeitigkeit von Stabilität und Wandel in dieser Lebensphase.

11:40
Zufrieden ohne Beziehung? Die Bedeutung von Partnerschaftswunsch, Alter und Gender
S13-3 

N. Keller, O. Huxhold; Berlin

Fragestellung: Partner:innenlosigkeit wird häufig durch gesellschaftliche Stereotypen geprägt, die Singles als weniger glücklich oder weniger erfüllt darstellen als Menschen mit Partnerschaften. Solche Vorstellungen prägen nicht nur die öffentliche Meinung, sondern finden sich auch in vielen wissenschaftlichen Studien wieder. Oft fehlt eine präzise Definition: Partner:innenlosigkeit wird mit Alleinleben gleichgesetzt oder als Restkategorie verstanden. Dieser Beitrag hinterfragt diese Narrative und untersucht, wie Partner:innenlosigkeit bewertet wird und welche Faktoren die Zufriedenheit in diesem Lebenszustand beeinflussen. Im Fokus stehen dabei der Wunsch nach einer Partnerschaft sowie alters- und genderspezifische Unterschiede.

Methodik: Die Analyse basiert auf Längsschnittdaten des Deutschen Alterssurveys (DEAS, 2014-2017). Mit Regressionsmodellen wird untersucht, wie der Wunsch nach einer Partnerschaft die Zufriedenheit mit der Partner:innenlosigkeit beeinflusst. Darüber hinaus wird geprüft, ob Alter und Gender diesen Zusammenhang moderieren.

Ergebnisse: Es zeigt sich ein negativer Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach einer Partnerschaft und der Zufriedenheit mit der Partner:innenlosigkeit. Dieser Zusammenhang bleibt über die Zeit stabil. Frauen und ältere Personen äußern seltener den Wunsch nach einer Partnerschaft als Männer und jüngere Personen. Interaktionseffekte zwischen Wunsch, Alter und Gender zeigen jedoch keine moderierende Wirkung, was auf einen stabilen Einfluss über diese demografischen Merkmale hinweg schließen lässt.

Zusammenfassung: Der Beitrag verdeutlicht die Komplexität und Heterogenität der Partner:innenlosigkeit, insbesondere im Zusammenspiel von Gender, Alter und Partnerschaftswunsch. Partner:innenlosigkeit ist nicht zwangsläufig ein Übergangszustand, sondern kann auch Ausdruck von Autonomie und Zufriedenheit sein. Um der Vielfalt der Erfahrungen gerecht zu werden, sollte sich das gesellschaftliche Narrativ wandeln: weg von defizitären Zuschreibungen hin zu einem positiven und vielschichtigen Verständnis von Partner:innenlosigkeit.

12:00
Veränderungen der Partnerschaftsqualität beim Übergang in die Partnerpflege: Eine längsschnittliche Analyse unter Berücksichtigung individueller und paarbezogener Kontextfaktoren
S13-4 

J. Wünsche, U. Ehrlich, G. Henning; Berlin

In Übereinstimmung mit dem Stress Process Model (Pearlin, 1990) weisen zahlreiche Untersuchungen darauf hin, dass die Partnerpflege mit dauerhaftem Stress einhergeht und demzufolge eine erhebliche Herausforderung für das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden der pflegenden Person darstellt. Auch die Qualität der Paarbeziehung leidet nachweislich unter pflegebezogenen Belastungen. Studien, die den Zusammenhang von Partnerpflege und Partnerschaftsqualität untersucht haben, basieren jedoch meist auf querschnittlichen Daten und können somit keine interindividuellen Unterschiede in den intraindividuellen Veränderungen der Partnerschaftsqualität abbilden. Darüber hinaus wurden individuelle und paarbezogene Kontextfaktoren, die den Stressprozess prägen und Belastungen im Zusammenhang mit der Partnerschaftspflege abmildern oder verschärfen können, bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Im vorliegenden Beitrag werden sieben Wellen des Deutschen Alterssurveys (DEAS, 2002-2023) herangezogen, um intraindividuelle Veränderungen der Partnerschaftsqualität beim Übergang in die Partnerpflege mittels längsschnittlicher Analyseverfahren nachzuzeichnen. Um Veränderungen der Partnerschaftsqualität im Zusammenhang mit der Pflegeübernahme von altersassoziierten Veränderungen abzugrenzen, werden die Befunde mithilfe von Propensity Score Matching mit einer Kontrollstichprobe von Personen verglichen, die im Beobachtungszeitraum keine Partnerpflege übernommen haben.

Weiterhin werden individuelle und paarbezogene Kontextfaktoren als Prädiktoren für intraindividuelle Veränderungen der Partnerschaftsqualität beim Übergang in die Partnerpflege untersucht. Als individuelle Kontextfaktoren werden Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen sowie der körperliche und psychische Gesundheitszustand der pflegenden Person vor Beginn der Pflegeübernahme betrachtet. Als paarbezogene Kontextfaktoren werden der Ehestand und das Zusammenleben im gemeinsamen Haushalt sowie die Höhe der Partnerschaftsqualität vor Beginn der Pflegeübernahme untersucht.

Der vorliegende Beitrag liefert somit einen differenzierteren Einblick in die Rahmenbedingungen, unter denen sich der Übergang in die Partnerpflege als besonders herausfordernd für das partnerschaftliche Miteinander erweist.

Zurück