Freitag, 19.09.2025
11:30 - 13:00
05.03.201
(Raum 3)
S53
Digitalität und digitale Teilhabe im hohen Alter – Konzepte und Befunde aus dem Projekt DiBiWohn
Moderation: M. Doh, Heidelberg; I. Himmelsbach, Freiburg
In dem interdisziplinären Verbundprojekt DiBiWohn (Digitale Bildungsprozesse für ältere Menschen in seniorenspezifischen Wohnformen der institutionalisierten Altenhilfe) wurde zwischen 09/2020 und 08/2025 untersucht, wie digitale Bildungsprozesse für Personen im hohen Alter im Betreuten Wohnen und in der stationären Pflege entwickelt und nachhaltig umgesetzt wer-den können. So wurden in ausgewählten Einrichtungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mittels (partizipativer) Praxisforschung ein Peer-to-Peer-Begleitprogramm für Mieter:innen im Betreuten Wohnen entwickelt und durchgeführt. Zudem entstand ein Methodenkoffer mit digitalen Angeboten, der insbesondere in der Pflege auch für Menschen mit Demenz eingesetzt werden kann. Aus den daraus entstandenen Expertisen und Evaluationen wurden bundesweit Transferangebote umgesetzt sowie Handreichungen und Materialien für Einrichtungen und Technikbegleitende zur Verfügung gestellt. Auch konnten anhand (tlw. longitudinaler) Biografie- und Sozialraumforschung verschiedene Bildungsgestalten hinsichtlich Digitalität und digitaler Teilhabe von Personen im hohen Alter aus diesen Settings beschrieben werden. Des Weiteren fanden durch mediengerontologisch ausgerichtete, (tlw. longitudinale) quantitative Onlinebefragungen Untersuchungen zur Entwicklung von Digitalität der Projektteilnehmenden (Technikbegleitenden, Internetneulinge) statt. Umrahmt wurden diese multimodalen Forschungsaktivitäten durch die repräsentative Studie SIM (Senior*innen, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs), die 2021 und 2024 den Medienumgang und die Digitalität bei Personen ab 60 Jahren erfasste – und hierbei insbesondere die digitale Entwicklungsprozesse im hohen Alter aufzeigen konnte. Als Essenzen aus diesem Projekt ergeben sich zwei zentrale Aspekte auf Praxis- und auf Theorieebene: Zum einen konnte das Projekt verschiedene Potenziale und Wege zur digitalen und sozialen Teilhabe im hohen und im vulnerablen Alter aufzeigen wie auch Voraussetzungen und Barrieren zur Förderung der Digitalität in Einrichtungen der Altenhilfe. Zum anderen finden sich Hinweise, dass gerontologische Theorien wie Lebensspannenkonzept und sozio-emotionale Selektivitätstheorie in Bezug auf die Digitalisierung konzeptionell weiterentwickelt werden sollten – denn die Digitalität im hohen Alter eröffnet auch neue Möglichkeiten zur Optimierung und Erweiterung, zur sozialen Teilhabe und sozialen Teilgabe.
Fragestellung und Methodik: Das Forschungsprojekt DiBiWohn konnte anhand multimodaler Zugänge und Potenziale digitaler Bildung, soziale Teilhabe und mitunter soziale Teilgabe von Personen im hohen Alter aufzeigen, die in Einrichtungen des Betreuten Wohnens leben.
In der Zusammenschau aus fünf Jahren Praxisforschung, bildungsbiografischer, sozialraum-wissenschaftlicher und mediengerontologischer Forschung stellen sich hieraus konzeptionelle Fragestellungen in Bezug auf Digitalisierung und hohes Alter: Inwiefern müssen klassische gerontologische Konzepte wie die Lebenspannentheorie (Baltes,1990) und die sozio-emotionale Selektivitätstheorie (Carstensen,1992) kritisch reflektiert und modifiziert werden? Gibt es gar in der Gerontologie in diesem Bereich ein defizitäres Altersbild? Und bietet ein Blick in heilpädagogische Konzepte einen fruchtbaren Mehrwert, um digitale Bildung und soziale Teilhabe im hohen Alter neu zu denken?
Ergebnisse: „Viertes Alter“ definiert gemeinhin in der Gerontologie Menschen, die aufgrund von zunehmender Vulnerabilität ggf. ins Betreute Wohnen oder Pflegeheim umziehen, meist sind diese im hohen Alter. Doch zeigen die Befunde aus dem Projekt DiBiWohn auf, dass das hohe Alter speziell in Bezug auf die Digitalisierung einer Potenzialperspektive bedarf. So bieten digitale Zugänge nicht nur kompensatorische Möglichkeiten auf Einschränkungen und Ver-luste (z.B. Videokommunikation aufgrund Mobilitätsdefizite), sondern auch neue Möglichkeiten der Optimierung, der Erweiterung und des Entwicklungsgewinns: z.B. durch neue Formen so-zialer Beziehungen oder der Erweiterung analoger Sozialräume durch virtuelle. Und es können durch digitale Zugänge nicht nur digitale und soziale Teilhabe gefördert werden; es eröffnen sich auch Potenziale für partizipative Aktivitäten und für ehrenamtliches Engagement – selbst in Einrichtungen des Betreuten Wohnens und in der Pflege (z.B. Qualifizierung Technikbegleiter:in). Hierzu sich aus der Heilpädagogik das Konzept zur inklusiven Bildung von Erich von Kardorff (2014) an, der vier Formen der Partizipation unterscheidet: Teil-Sein, Teil-Haben, Teil-Nehmen und Teil-Geben.
Schlussfolgerung: Die Befunde aus dem Projekt DiBiWohn zeigen auf, dass die Digitalisierung auch im hohen Alter neue Möglichkeiten für Entwicklungsgewinne und für soziale Teilhabe/Teilgabe aufbieten und auf konzeptioneller Ebene die Debatte um ressourcenorientier-tere Ansätze sowie die Überprüfung bestehender Konzepte eröffnet werden sollte.
Fragestellung: Wie nutzen Personen im höheren und hohen Alter im häuslichen Setting digitale Medien? Welche Form von Digitalität besteht in diesen Altersgruppen? Wie nutzen sie digitale Medien, welche digitale Kompetenzen liegen vor und welche digitale Gesundheitskompetenz? Und welche Unterschiede und Zusammenhänge bestehen nach soziodemografi-schen und gesundheitsbezogenen Faktoren? Hierzu bietet die repräsentativ angelegte Stu-dienreihe SIM (Senior*innen, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) und der Katholischen Hochschule Freiburg robuste Basisdaten.
Methodik: Das Sample umfasst 2.000 deutschsprachige, privatwohnende Personen ab 60 Jahren. Die telefonische Befragung (Festnetz- und Mobilfunk) fand mittels CATI-Verfahren zwischen Mai und August 2024 statt; dabei betrug die durchschnittliche Länge der Interviews etwa 30 Minuten. Die Feldarbeit erfolgte durch die Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM). Die Daten wurden gewichtet nach Alter (60-79 Jahre und 80 Jahre und älter), Geschlecht, Bildungsstatus, BIK und Haushaltsgröße. Basis für die Gewichtung war die MA Tranche Audio 2024 I. Neben etablierten Messinstrumenten zum Umgang mit (digitalen) Medien wurde ein Instrument zu Messung Digitaler Kompetenzen eingesetzt (basierend auf einer selbstentwickelten Kurzversion des DigCompSAT) sowie ein Fragebogen zur Messung digitaler Gesundheitskompetenz aus der HLS-GER2-Studie von Schaeffer et al, 2021.
Ergebnisse: Die Ergebnisse demonstrieren die fortschreitende digitale Transformation im Alltag älterer Menschen. So zeigen die Befunde im Vergleich zu 2021 zum Teil erhebliche Zuwächse in der digitalen Medienausstattung sowie im Zugang zum Internet. Besonders deutlich ist diese Entwicklung bei Personen im hohen Alter zu beobachten. Auch auf Ebene der Nutzung und Alltagsrelevanz des Internets fanden Entwicklungen zu vermehrter Digitalität statt. Hinsichtlich der digitalen Kompetenzen und auch der digitalen Gesundheitskompetenz bestehen jedoch weiterhin große Defizite entlang der soziodemografischen Merkmale. Besonders weisen besonders alleinlebende Frauen, Personen mit geringem Bildungsniveau und Personen im hohen Alter eine sehr niedrige Digitalität auf.
Schlussfolgerung: Es besteht auf kommunaler Ebene weiterhin ein großer Bedarf an digitaler Bildung, Beratung und Begleitung älterer Menschen, besonders aber im hohen Alter.
Fragestellung: Im Rahmen des Projekts DiBiWohn wurde der Methodenkoffer "Digital im Alltag" konzipiert, dessen Ziel es ist, älteren Personen in Einrichtungen der Pflege den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen. Nach Abschluss der Implementierung besteht das Evaluationsziel darin, neue Erkenntnisse anhand nachfolgender Fragestellungen zu generieren, um ein präziseres Bild von dem Bedarf, der Akzeptanz und den ausgehenden Wirkungen der Maßnahme zu erlangen: Welche Ressourcen wurden aufgewendet, um die Maßnahme in der Einrichtung zu implementieren? Reichen die vorgesehenen Ressourcen aus, um die Maßnahme umzusetzen? Welche Leistungen wurden erbracht und welche (vulnerablen) Personen haben teilgenommen? Wie zufrieden waren die anleitenden Personen und die Teilnehmenden mit den erbrachten Leistungen? Welche Veränderungen wurden bei den Teilnehmenden auf den Ebenen Wissen, Einstellung und Verhalten erzielt? Kam es zu unerwarteten positiven oder negativen Nebenwirkungen? Wie nachhaltig war die Implementierung in der Einrichtung?
Methodik: Ausgehend von einem theoretisch fundierten Wirkmodell (Bartsch u.a. 2016) und unter Rückgriff auf das Konzept der Wirkungsplausibilisierung (Ottmann u.a. 2024) wird ein qualitativ-rekonstruktiver Evaluationsansatz verfolgt, der auf die kontextgebundene Erfassung und argumentative Herleitung von Wirkzusammenhängen zielt. Datengrundlage bilden dabei eine Fokusgruppe mit drei Fachkräften der Sozialen Betreuung, fünf bis sechs leitfadengestützte Interviews mit den teilnehmenden Bewohner:innen der Stationären Pflege sowie ein reflexiver Workshop mit dem Betreuungsteam. Die Auswertung erfolgt entlang der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2022).
Ergebnisse: Die zentralen Erkenntnisse der Evaluation sind, dass eine kontinuierliche An-wendung des Methodenkoffers einen signifikanten Einfluss auf die Kenntnis nützlicher Anwendungsmöglichkeiten, die Technikeinstellung und die Motivation zur Nutzung digitaler Medien hat – auch bei Personen mit Demenz. Darüber hinaus ist die Bereitschaft zu beobachten, ein eigenes Endgerät und/oder Kompetenzen über das Angebot hinaus zu erwerben. Die Anwendung der Methoden erweist sich zudem als eine Entlastung des Betreuungsteams.
Schlussfolgerung: Der Methodenkoffer hat unter bestimmten Rahmenbedingungen das Potenzial digitale Teilhabe auch bei vulnerablen Zielgruppen nachhaltig zu fördern.
Fragestellung: Das Projekt DiBiWohn wurde in einer dreijährigen Pilot- und Implementierungsphase in den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz durchgeführt. Ziel war es älteren Menschen im Betreuten Wohnen und der Pflege den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen und damit deren soziale und digitale Teilhabe zu stärken. In der zweijäh-rigen Transferphase wurden die entwickelten und erprobten Konzepte digitaler Bildungsangebote (u.a. Peer-to-Peer-Ansatz, neue digitale Bildungsangebote in Form von Methodensammlung) mit passenden Qualifizierungen in den Einrichtungen, sowie die dabei entstandenen Forschungsergebnisse aus der praxisbegleitenden Forschung zu einem Transferkonzept verdichtet und entsprechenden aufgearbeitet. Ziele der Transferphase waren die Skalierung der Digitalen Bildungsangebote in die Pflege und die bundesweite Übernahme der entwickelten Konzepte durch andere Einrichtungen und Träger. Im Transfer wurden dabei u.a. Leitungskräfte und Verantwortliche in Einrichtungen und bei Trägern, ehrenamtliche Technikbegleitende und Mitarbeitende in seniorenspezifischen Einrichtungen, kommunale Multiplikator:innen und Verantwortliche aus dem Quartier sowie Anbieter digitaler Bildungs- und Kulturangebote angesprochen und vernetzt. In Materialien wurden die Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen didaktisch aufbereitet und über Informations-, Qualifizierungs- und Transferveranstaltun-gen bundesweit verbreitet.
Methodik: An mehreren Modellstandorten konnten unterschiedliche Aspekte im Transfer exemplarisch erprobt werden. Begleitend dazu wurde der Transfer durch die Praxisforschung und begleitende quantitative Erhebungen auf unterschiedlichen Ebenen evaluiert. Durchgeführt wurden dazu verschiedene Fokusgruppen und Befragungen mit Leitungskräften, Technikbegleitende, Multiplikator:innen und anderen am Transfer beteiligten Zielgruppen, ergänzt durch begleitende Beobachtung.
Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen nicht nur die Potenziale digitaler Bildung im Lebensalltag von Menschen bis ins hohe Lebensalter, sondern auch die Herausforderungen in Bezug auf die strukturellen Gelingensbedingungen und die Grenzen von dem, was im Ehrenamt von Technikbegleitenden geleistet werden kann.
Schlussfolgerung: Im Vortrag werden dazu weiterführende Empfehlungen für die Altenhilfe gegeben, insbesondere in Bezug auf eine Neuorientierung von Bildung im Alter.
Diskutantin: N. Berner, Witten