Freitag, 19.09.2025

11:30 - 13:00

05.03.202
(Raum 4)

Digitale Entlastung in der häuslichen Pflege: Chancen und Herausforderungen eines bayernweiten Pilotprojekts zur Informationsvermittlung an Pflegebedürftige und Angehörige

Moderation: M. R. Jokisch, Kempten; J. Schütz, Kempten

Das Symposium präsentiert zentrale Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt DUA, das Nutzungserfahrungen und Barrieren digitaler Informations- und Unterstützungsangebote in der häuslichen Pflege untersucht. Im Fokus stehen pflegebedürftige Personen und ihre Angehörigen, die insbesondere im Anfangsstadium einer Pflegebedürftigkeit einen hohen, häufig unzureichend gedeckten Informationsbedarf aufweisen. Das Symposium beleuchtet das Thema aus vier Perspektiven: Der erste Beitrag (Martin Wetzel) führt anhand einer latenten Klassenanalyse in die gesundheitlichen Bedarfslagen ein, die typischerweise zu Pflegebedürftigkeit führen. Die identifizierten Kombinationen funktioneller, kognitiver und therapeutischer Einschränkungen verdeutlichen die heterogenen digitalen Bedarfe der Zielgruppe. Der zweite Vortrag (Johanna Schütz) stellt das DUA-Gesamtprojekt vor, das über die analoge Verteilung eines Flyers zu digitalen Angeboten im Rahmen der Pflegebegutachtung neue Wege der Informationsvermittlung erprobt. Der Flyer wurde bayernweit an rund 60.000 Haushalte mit Erstantrag auf einen Pflegegrad versendet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie digitale Zugänge durch nicht-digitale Kontaktpunkte aktiviert werden können. Der dritte Beitrag (Annika Hudelmayer) greift die Perspektive professioneller Gutachtender auf. Qualitative Analysen zeigen, dass fehlende Bekanntheit, digitale Unsicherheiten und Erwartungen an den Pflegeverlauf zentrale Gründe für die Nichtnutzung digitaler Angebote sind. Der abschließende Vortrag (Mario Jokisch) vertieft die Analyse der quantitativen DUA-Daten. Es wird untersucht, wie sich soziodemografische Merkmale, Pflegebelastung und digitale Gesundheitskompetenz auf die Bekanntheit, Nichtinanspruchnahme trotz Bekanntheit sowie tatsächliche Nutzung digitaler Angebote auswirken. Dabei werden Unterschiede zwischen Pflegebedürftigen und Angehörigen identifiziert. Das Symposium liefert empirisch fundierte Impulse zur Förderung digitaler Teilhabe und zur Entwicklung adressat*innengerechter Informationsstrategien im frühzeitigen Pflegekontext.

11:30
Ursachen von Pflegebedarf: Eine Analyse der Kombinationen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen mittels Daten des Medizinischen Dienstes Bayern
S54-1 

M. Wetzel, A. Cass, J. Schütz; Kempten

Hintergrund: Pflegebedürftigkeit unterscheidet sich je nach zugrundeliegender gesundheitlicher Ursache. Menschen mit kognitiven Einschränkungen benötigen beispielsweise andere Unterstützung als Menschen mit funktionellen Einschränkungen. Während der einzelne Einfluss von gesundheitlichen Einschränkungen auf den Pflegebedarf umfassend untersucht worden ist, wurde den Prävalenzen von zusammen auftretenden Einschränkungen bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Fragestellung: Diese explorative Studie untersucht, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen gleichzeitig zu Beginn einer Pflegebedürftigkeit auftreten.  Material und Methoden: Es wurden Daten des Medizinischen Dienstes (MD) Bayern verwendet. Der MD begutachtet den Pflegebedarf und errechnet Pflegegrade, die als Grundlage für Leistungen der Pflegeversicherung dienen. Die Daten enthalten alle Erstbegutachtungen im Jahr 2019 aus Bayern. Mittels latenter Klassenanalyse wurden Muster von gesundheitlichen Einschränkungen in sechs Gesundheitsdimensionen (z. B. Mobilität, Kognition) analysiert.

Ergebnisse: Bei Pflegebeginn wurden fünf verschiedene Klassen von Pflegebedarf identifiziert. Zwei Klassen spiegeln einzelne Einschränkungen wider: Mobilitätseinschränkungen und der Bedarf an Unterstützung bei therapeutischer Versorgung. Drei Klassen weisen auf verschiedene Kombinationen von Einschränkungen hin. Diese Muster unterschieden sich nach Alter, Geschlecht und Pflegegrad.

Diskussion: Die Studie zeigt, dass die überwiegende Mehrheit von Personen mit beginnendem Pflegebedarf eine Kombination von gesundheitlichen Einschränkungen aufweist. Die Erkenntnisse können helfen, gezieltere Pflegeleistungen anzubieten.

11:50
Schwer Erreichbare erreichen? Methodische Erkenntnisse einer bayernweiten Befragung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen
S54-2 

J. Schütz, F. Fischer, M. R. Jokisch; Kempten

Hintergrund: Pflegebedürftige und Angehörige sehen sich zu Beginn einer Pflegesituation mit einem hohen Informations- und Unterstützungsbedarf konfrontiert. Niedrigschwellige digitale Angebote haben das Potenzial zur Entlastung und zur Stabilisierung der Pflegesituation. Bislang werden diese Potenziale nicht ausgeschöpft. Im Projekt „DUA“ wurde untersucht, welche Chancen eine Informationsbroschüre zu digitalen Pflegeangeboten bietet, um grundlegende Informationsbedarfe frühzeitig zu decken. Hierzu wurde ein bayernweites Pilotprojekt in Kooperation mit dem Medizinischen Dienst (MD) Bayern durchgeführt, um die Zielgruppe zu erreichen und wissenschaftlich zu begleiten.

Methodik: Ein vom Studienteam erstellter Flyer wurde zusammen mit dem Terminankündigungsschreiben für die Begutachtung zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit zwischen Juni und September 2024 durch den MD Bayern an 60.000 gesetzlich Versicherte in Bayern versandt, die einen Erstantrag auf einen Pflegegrad stellen. Im Anschluss wurden die Pflegebedürftigen bzw. Angehörigen mittels eines standardisierten Fragebogen zur Pflegesituation sowie Erfahrung mit digitalen Pflegeangeboten befragt.

Ergebnisse: Die Ergebnisse und methodischen „Lessons Learned“ des Projekts werden präsentiert. Im Fokus stehen die Erfolgskriterien des Erreichens von Personen mit Pflegebedarf für die Umfrageforschung. Insgesamt nahmen 2.886 Personen an der Befragung teil, davon in 40 % der Fälle die Personen mit Pflegebedarf selbst und 60 % An-/Zugehörige. 90 % der Zielgruppe entschied sich für die Teilnahme via Papierfragebogen anstelle des Websurveys.

Schlussfolgerungen: Noch besteht ein Mangel an hochwertigen, großflächigen Daten von Personen mit Pflegebedarf. Das vorgestellte Projekt sowie die Forschungskooperation mit dem MD kann einen wichtigen Beitrag zur Grundlagenforschung im Bereich Hochaltrigkeit, häusliche Pflege und Digitalisierung leisten sowie methodologische Pionierarbeit, wie zu schwer erreichbaren Bevölkerungsgruppen hochwertige Daten erhoben werden können.

12:10
Digitale Informationsangebote in frühen Pflegesituationen: Wahrnehmungen der (Nicht-)Nutzung aus Sicht von Gutachtenden des Medizinischen Dienstes Bayern
S54-3 

A. Hudelmayer, J. Schütz, M.-C. Redlich, F. Fischer; Kempten

Hintergrund: Die Suche nach pflegerelevanten Informationen stellt eine zentrale und zeitintensive Tätigkeit dar. Digitale Informations- und Unterstützungsangebote (z. B. Webseiten, Apps) ermöglichen eine niedrigschwellige Informationsbeschaffung. Die Zielgruppe nutzt diese Angebote bisher nicht in vollem Umfang.

Eine Vielzahl an Studien befasst sich mit den Gründen der Nicht-Inanspruchnahme. Dennoch erschweren methodische Hürden umfängliche Erkenntnisse über die Personengruppe, welche die Angebote nicht nutzen, da diese oft schwer erreichbar sind und seltener an Befragungen teilnehmen. Einen Einblick in viele Haushalte mit Pflegebedarf haben die Gutachtenden des Medizinischen Dienstes (MD), die im Rahmen der Beantragung von Leistungen der sozialen Pflegeversicherung die Beurteilung einer potenziellen Pflegebedürftigkeit vornehmen. Sie erhalten dabei Einblicke in die Lebenswelt der Antragstellenden und können die Bedeutung digitaler Informations- und Unterstützungsangebote in der häuslichen Pflege einschätzen. Darüber hinaus können sie Aussagen darüber treffen, welche Personengruppen digitale Angebote wenig oder gar nicht nutzen.

Methodik: Im Rahmen des Projekts DUA wurden im Sommer 2024 vier Fokusgruppen mit 29 Gutachtenden des MD Bayern durchgeführt. Die Transkripte der Fokusgruppen wurden mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet.

Ergebnisse: Der Wahrnehmung der Gutachtenden zur Folge sind digitale Angebote bei der Zielgruppe häufig unbekannt. Obwohl ein Großteil der Antragstellenden bzw. ihre Angehörigen über ein internetfähiges Gerät verfügen, werden pflegerelevante Informationen selten online recherchiert. Hier spielen die bisherigen Gewohnheiten und Erfahrungen mit digitalen Angeboten im beruflichen und privaten Kontext eine wichtige Rolle. Darüber hinaus erweisen sich die Erwartungen an den Pflegeverlauf (z.B. in Bezug auf Dauer und Intensität) als relevante Aspekte, inwieweit (digitale) Angebote genutzt werden.

Fazit: Die Ergebnisse ermöglichen einen Einblick aus einer ‚Meta-Perspektive‘ in die Bedarfslagen und Gründe für die Nicht-Nutzung digitaler Angebote in einem frühen Stadium der Pflegebedürftigkeit.

12:30
Faktoren der Nutzung digitaler Pflegeangebote: Eine vertiefende Analyse im Rahmen des Projekts DUA
S54-4 

M. R. Jokisch, F. Fischer; Kempten

Die Nutzung digitaler Informations- und Unterstützungsangebote im Pflegekontext stellt ein komplexes Verhalten dar, das verschiedene Nutzungskategorien umfasst, darunter fehlende Bekanntheit, bewusste Nichtinanspruchnahme trotz Bekanntheit oder faktische Nutzung. Diese unterschiedlichen Formen des Umgangs mit digitalen Angeboten erfordern eine differenzierte Analyse, um die zugrunde liegenden strukturellen, motivationalen und kompetenzbezogenen Einflussfaktoren besser zu verstehen. Im Rahmen des Projekts DUA wurden im Zuge einer bayernweiten Erhebung insgesamt 2.886 Antragstellende auf Pflegeleistungen bzw. ihre Angehörigen befragt. Die Teilnehmenden gaben an, ob ihnen die im Rahmen eines Flyers vorgestellten digitalen Pflegeangebote bekannt waren, ob sie diese trotz Kenntnis nicht nutzten oder ob eine tatsächliche Nutzung erfolgte. Anhand eines Regressionsmodells wurden soziodemografische Merkmale, wahrgenommene Pflegebelastungen, digitale Vorerfahrungen und digitale Gesundheitskompetenzen hinsichtlich ihrer prädiktiven Wirkung auf die Nutzungskategorien analysiert. Die Ergebnisse zeigten, dass Pflegebedürftige im Vergleich zu Angehörigen signifikant älter, häufiger männlich, formal geringer gebildet sowie weniger digitalen Vorerfahrungen und mit niedrigeren digitalen Gesundheitskompetenzen aufwiesen. Hinsichtlich der subjektiven Belastung durch die Pflegesituation ergaben sich hingegen keine Unterschiede. Auf insgesamt niedrigem Niveau berichteten Angehörige eine höhere Bekanntheit und Nutzung digitaler Pflegeanwendungen, wobei die Unterschiede gering ausfielen. Im Regressionsmodell zeigte sich, dass die Nutzungskategorien nur schwach mit soziodemografischen Merkmalen und der wahrgenommenen Belastung durch die Pflege korrelierten. Stattdessen dominierten digitale Vorerfahrungen und digitale Gesundheitskompetenzen als erklärende Faktoren bei Pflegebedürftigen wie auch bei Angehörigen. Die Ergebnisse liefern einen substantiellen Beitrag zum Verständnis von Zugangsgerechtigkeit und Nutzungsmustern digitaler Angebote im Feld der informellen Pflege. Sie bieten zugleich eine empirisch fundierte Grundlage für zielgruppenspezifische Strategien zur Förderung digitaler Teilhabe und zur Minimierung von Exklusionsrisiken bei der Gestaltung zukünftiger Versorgungsstrukturen.

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