Donnerstag, 18.09.2025

11:00 - 12:30

05.03.203
(Raum 5)

S15

Digital gestützte Prävention und Lebensqualitätsanreicherung im höheren Lebensalter: Erste Befunde des SMART-AGE Trials

Moderation: H.-W. Wahl, Heidelberg; N. Memmer, Heidelberg

Digitale Technologien bergen ein vielversprechendes Potenzial zur Förderung von Gesundheit, sozialer Teilhabe und Lebensqualität im höheren Lebensalter. Eine wirksame und nachhaltige Implementierung entsprechender digitaler Lösungen erfordert jedoch eine Orientierung an den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Lebenswelten älterer Menschen sowie eine evidenzbasierte Evaluation ihres Nutzens.

Die komplexe Interventionsstudie SMART-AGE adressiert diese Anforderungen. Ziel der Studie ist es, den Einfluss von drei gezielt entwickelten Apps zur Förderung sozialer Partizipation (smartVERNETZT), Gesundheits-Awareness (smartIMPULS) und körperlicher Fitness (KOKU) auf die Lebensqualität von Personen ab 67 Jahren in zwei Kommunen zu untersuchen. Zur Stärkung des Co-Designs können Studienpartner*innen über die App smartFEEDBACK kontinuierlich Rückmeldungen zu Apps und Studie geben.
Mit einer Stichprobengröße von N = 649 (Alter: 67–93 Jahre, M = 76; 52 % Frauen) und einer Randomisierung in drei Studienarme zählt SMART-AGE zu den umfangreichsten Studien im Bereich digital gestützter Prävention und Lebensqualitätsanreicherung im Alter. Die Datenerhebung erfolgte zu drei Messzeitpunkten: Baseline, 3-Monats- und 6-Monats-Follow-up. Neben klassischen Befragungsinstrumenten und Performanztests kommt ein innovativer Datenprotokollansatz zum Einsatz, der sensorgestützte Mobilitätsmessungen, objektive App-Nutzungsdaten sowie ein Ecological Momentary Assessment (EMA) in einer Teilstichprobe umfasst.

Ziel des Symposiums ist es, erste Ergebnisse der Baseline-Erhebung in der gerontologischen Fachgemeinschaft zu präsentieren, zur Diskussion zu stellen und Impulse für die Weiterentwicklung digital gestützter Präventionsansätze im höheren Lebensalter zu geben.

Der erste Beitrag (Memmer et al.) untersucht die Langzeitnutzung der App smartVERNETZT sowie deren Prädiktoren, darunter soziodemografische und technikbezogene Merkmale. Der Beitrag von Mertens et al. konzentriert sich auf die initiale Nutzung von smartVERNETZT sowie smartFEEDBACK und analysiert dabei kognitive Einflussfaktoren. Der dritte Beitrag (Kölsch et al.) widmet sich Nutzungsmustern der App smartIMPULS, deren Ziel die Förderung der Awareness für die eigene Gesundheit im höheren Alter ist. Beitrag vier (Ewert) basiert auf der bereits abgeschlossenen EMA-Teilstudie und thematisiert das Phänomen des „Nichtsun in einer mediatisierten Welt“ als bedeutsame Facette alltäglicher Erfahrung im höheren Lebensalter.

11:00
Langzeitnutzung und Nutzungsmuster digitaler Interventionen bei älteren Erwachsenen: Eine explorative Analyse der App smartVERNETZT
S15-1 

N. Memmer, A. Schlomann, H.-W. Wahl; Heidelberg

Hintergrund: Digitale Technologien versprechen vielfältige Potenziale zur Förderung der sozialen Teilhabe und Lebensqualität älterer Menschen. Für eine nachhaltige Wirksamkeit ist jedoch die kontinuierliche Nutzung über längere Zeiträume hinweg entscheidend. Bisher mangelt es jedoch an Längsschnittdaten, die Nutzungsmuster sowie Einflussfaktoren auf die Langzeitnutzung fundiert untersuchen.
Methode: Die vorliegende Längsschnittstudie analysiert im Rahmen des SMART-AGE-Projekts das Nutzungsverhalten von 286 älteren Erwachsenen (67 – 93 Jahren) über einen Zeitraum von sechs Monaten. Untersucht wird die Nutzung der App smartVERNETZT, die auf dem „Personalized Reminder Information and Social Management System“ (PRISM; Czaja et al., 2018) basiert. Ziel der App ist es, älteren Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zu digitalen Angeboten zu ermöglichen, die die lokale Integration und digitale Vernetzung fördern, um so die soziale Teilhabe zu stärken und Einsamkeit vorzubeugen.
Im Fokus der Studie steht (a) die Beschreibung zeitlicher Nutzungsmuster von smartVERNETZT sowie (b) die Identifikation potenzieller Einflussfaktoren auf eine langfristige Nutzung. Als Langzeitnutzung wurde eine regelmäßige (mindestens wöchentliche) Nutzung in den Monaten 4 bis 6 definiert. Diese Definition orientiert sich an theoretischen Konzepten der Technikadaption sowie bisherigen empirischen Studien zu digitalen Nutzungsmustern im höheren Alter. Neben deskriptiven Auswertungen sind weiterführende Analysen mittels multivariater Längsschnittverfahren geplant.
Ergebnisse: 111 der 286 Teilnehmenden (39?%) erfüllten die Kriterien für eine Langzeitnutzung. Zwischen Langzeit- und Nicht-Langzeitnutzenden zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich psychosozialer Faktoren, Technik Kompetenzen und Einstellungen. Unterschiede bestanden jedoch im Hinblick auf Einkommen und Bildungsniveau. Im Zeitverlauf wurde ein signifikanter Rückgang der Nutzung festgestellt: Die durchschnittliche Nutzung sank signifikant von 2,74 Tagen pro Woche (Monate 1–3) auf 2,15 Tage pro Woche (Monate 4–6).
Diskussion: Die vorläufigen Ergebnisse veranschaulichen die Herausforderungen, digitale Angebote für ältere Erwachsene langfristig attraktiv zu gestalten. Die geplanten weiterführenden Analysen sollen differenzierte Nutzungstypen sowie zentrale Bedingungen für eine nachhaltige Nutzung identifizieren und damit zur evidenzbasierten Gestaltung digitaler Interventionen beitragen.

11:20
Kognitive Prädiktoren für die selbstbestimmte Nutzung von Technologien im Alltag älterer Menschen: Einblicke aus der SMART-AGE-Studie
S15-2 

A. Mertens, B. G. Kuhlmann, L. Schmidt, A.-L. Schubert, N. Memmer, L. Radeck, H.-W. Wahl; Mannheim, Heidelberg, Mainz

Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Kognition eine wichtige Rolle bei der Nutzung digitaler Technologien spielt, beschränken sich aber bisher auf instruierte Techniknutzung. Die aktuelle Studie konzentriert sich auf die selbst-initiierte, freie Nutzung verschiedener Apps von über 400 Nutzer*innen (67 - 93 Jahre, 51% Frauen) über einen Zeitraum von drei Wochen im Rahmen der SMART-AGE Studie. Mithilfe einer umfangreichen Testbatterie wurden zwei zentrale Faktoren – fluide Kognition und episodisches Gedächtnis – abgebildet. Zwar zeigte die fluide Kognition einen signifikanten Zusammenhang mit der Nutzungseffizienz (Nutzungsdauer/Anzahl genutzter Subfunktionen), jedoch konnten beide kognitiven Komponenten die App-Nutzung nicht über andere Kontroll- und demographische Variablen hinaus vorhersagen. Männliche Teilnehmende und Personen mit einer höheren Technikerfahrung nutzten die Apps effizienter. Außerdem waren ein höheres Alter und weibliches Geschlecht sowie ein geringerer Bildungsstand mit einer längeren Nutzungsdauer assoziiert. Schließlich sagte die fluide Kognition die Gesamtzahl der genutzten Subfunktionen vorher, was auf eine größere Breite der Nutzung bei Personen mit höheren fluiden kognitiven Fähigkeiten hindeutet.

11:40
Explorative Analyse der Nutzungsmuster der smartIMPULS-App zur Förderung des Gesundheitsbewusstseins bei älteren Erwachsenen: Erkenntnisse aus dem SMART-AGE Projekt
S15-3 

V. M. Kölsch, U. Sperling, H.-W. Wahl, H. Burkhardt; Mannheim, Heidelberg

Gesundheit und ausreichende körperliche sowie geistige Leistungsfähigkeit bilden die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Besonders im höheren Lebensalter ist es wichtig, sich eigener Einflussmöglichkeiten auf die Gesundheit bewusst zu sein und gezielt darauf zu achten. Dieses Wissen und die entsprechende Achtsamkeit können helfen, potenziell kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Digitale Anwendungen gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Die vorliegende Untersuchung analysiert Monitoringdaten der App smartIMPULS, die das Gesundheitsbewusstsein stärken und Nutzer durch gezielte Hinweise zu gesundheitsförderlichem Verhalten anregen soll. Grundlage der Hinweise ist die regelmäßige, bestenfalls tägliche, Beantwortung evidenzbasierter Fragen zu gesundheitsrelevanten Bereichen, speziell auf Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten.

Im Rahmen des SMART-AGE Projekts wurde die App smartIMPULS N=218 Personen (48.62% Männeranteil; 51.38% Frauenanteil) im Alter von 67 bis 90 Jahren (Ø 75.76; SD 5.46) für jeweils 3 Monate auf einem Tablet zur Nutzung unter Realbedingungen zur Verfügung gestellt. Die Monitoringdaten der App lieferten differenzierte Einblicke in das Interaktionsverhalten der Teilnehmenden. So zeigte sich anhand der Häufigkeit übersprungener Fragen, mit welchen Themen sich ältere Erwachsene bevorzugt oder eher ungern auseinandersetzen. Die Auswertung der Nutzungshinweise erlaubte Rückschlüsse darauf, welche Inhalte zeitnah bearbeitet und tatsächlich umgesetzt wurden, was Rückschlüsse auf die wahrgenommene Relevanz und Akzeptanz gesundheitlicher Themen im höheren Alter ziehen lässt. Zudem ermöglichten die zeitlichen Nutzungsdaten eine Einschätzung der allgemeinen Auseinandersetzungsbereitschaft und Motivation, etwa durch die Analyse der Nutzungsfrequenz sowie der Tages- und Wochenzeiten, zu denen die App verwendet wurde.

Die bisherigen Ergebnisse deuten auf thematische Präferenzen, Umsetzungsmuster und Unterschiede im Nutzungsverhalten hin. Sie legen ein Bestehen verschiedener Formen der Auseinandersetzung nahe. Eine weiterführende Analyse nach Nutzertypen erscheint daher sinnvoll, um diese Heterogenität systematisch zu erfassen. Ein besonderer Fokus sollte hier auf Zusammenhängen zwischen Nutzungsmuster und subjektiv erlebtem Gesundheitszustand sowie wahrgenommenen Kontrollerleben der eigenen Gesundheit und individuellen Gesundheitsüberzeugungen liegen.

12:00
Nichtstun als vielschichtige Praxis: Formen, Relationen und Bedeutungen im höheren Lebensalter
S15-4 

J. Ewert; Frankfurt a. M.

In einer Gesellschaft, die zunehmend durch Mediatisierung, Aktivitätsimperative und normative Altersbilder geprägt ist, wird das Phänomen des „Nichtstuns“ oft abgewertet – als Zeichen von Passivität, Faulheit oder Rückzug. Andererseits wird es mit Momenten innerer Reflexion, Tagträumens und mentaler Regeneration in Verbindung gebracht.
Vor diesem Hintergrund fragt der Vortrag, wie ältere Menschen Phasen des Nichtstuns erleben, deuten und gestalten – und zeigt, dass Nichtstun eine vielfältige, kontextabhängige und gesellschaftlich gerahmte Praxis darstellt, die stark durch ihre subjektiven, sozialen und technologischen Verflechtungen bedingt ist.

Im Rahmen des Projekts SMART-AGE wurden 20 Personen ab 67 Jahren über sieben Tage hinweg mithilfe der Ecological Momentary Assessment (EMA)-Methode begleitet. Die Teilnehmenden dokumentierten mehrfach täglich ihre aktuellen Gedanken und Aktivitäten. Außerdem wurden leitfadengestützte Interviews durchgeführt, die sich auf die subjektive Bewertung und Einordnung von Nichtstun-Phasen konzentrierten.

Eine Analyse mittels hybrider Thematic Analysis differenzierte vier Formen des Nichtstuns (reflexives, entspannendes, subversives und unangenehmes Nichtstun), die sich in vier zentrale Relationen – soziale, digitale, räumliche und alternsbezogene Kontexte – einbetten. Als übergreifendes Motiv zeigt sich das Streben nach Balance zwischen Aktivität und Passivität, Reflexion und Abschalten.

Die Ergebnisse verweisen auf tiefgreifende Ambivalenzen: Während manche Formen des Nichtstuns zur Selbstreflexion, Regeneration oder sanften Abgrenzung beitragen, werden andere als entfremdend oder mit Schuldgefühlen besetzt erlebt – nicht zuletzt infolge von Subjektivierungsprozessen und einem gesellschaftlichen Druck, auch im Alter aktiv, effizient und verfügbar zu bleiben.

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