Freitag, 19.09.2025

11:30 - 13:00

05.03.204
(Raum 6)

E56

Care-Arrangements

Moderation: C. Kaiser, Wolfenbüttel

11:30
Jenseits gesetzlicher Schwellen: Pflege und Beruf in der Realität von KMU
E56-1 

K. Knauthe; Görlitz

Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gewinnt angesichts demografischer Veränderungen, steigender Pflegebedarfe und wachsender betrieblicher Anforderungen zunehmend an Relevanz. Besonders Kleinst- und Kleinunternehmen (KMU) sehen sich aufgrund begrenzter Ressourcen und spezifischer Strukturen mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert. Gesetzliche Regelungen wie das Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz erfassen derzeit nur größere Betriebe und werden von KMU häufig als schwer umsetzbar wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund zielt der Beitrag darauf ab, ein vertieftes Verständnis der Entscheidungsprozesse und Handlungsmuster von KMU im Kontext pflegerischer Vereinbarkeitsanforderungen zu entwickeln. Aus organisationssoziologischer Perspektive wird untersucht, wie KMU auf Pflegeverantwortung reagieren, welche Strategien sie verfolgen und welche institutionellen sowie organisationalen Rahmenbedingungen ihr Handeln prägen. Im Zentrum steht die Frage, welche Faktoren pflegesensible Maßnahmen fördern oder behindern und wie Entscheidungsprozesse im betrieblichen Alltag ausgestaltet sind.

Die Ergebnisse basieren auf einer umfangreichen qualitativen Studie im Rahmen einer Dissertation. Grundlage sind 43 Interviews mit Inhaber:innen von KMU der gewerblichen Wirtschaft. Die Auswertung folgt einem multiperspektivischen Ansatz, der individuelle Wahrnehmungen ebenso wie strukturelle Bedingungen berücksichtigt. Theoretisch stützt sich die Arbeit auf die Grenznutzentheorie sowie auf Konzepte mimetischer Isomorphie. Die theoretische Fundierung erlaubt es, Nutzenabwägungen und Anpassungsprozesse kleiner Unternehmen differenziert zu analysieren und zeigt, dass die Herausforderungen weniger in einer Ressourcenknappheit liegen, sondern in der Einschätzung, dass allgemeine betriebliche Maßnahmen ausreichen. Daher erscheinen pflegespezifische Angebote vielen KMU als verzichtbar oder nachrangig. Statt systematischer Lösungen kommen daher häufig pragmatische, flexible und ad hoc implementierte Lösungen zum Einsatz, deren Ausgestaltung stark von Branche, Region und individuellem Engagement abhängt.

Pflegevereinbarkeit erweist sich damit nicht nur als soziale, sondern als organisationale Herausforderung mit betriebswirtschaftlicher Dimension. Die Studie liefert Impulse für Forschung, Praxis und Politik, um pflegefreundliche Unternehmenskulturen zu fördern, strukturelle Ungleichheiten abzubauen und eine sozial gerechte Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in KMU zu ermöglichen.

11:50
Sozialräumlich organisierte Hilfebeziehungen zwischen biografischen und infrastrukturellen Careerfahrungen im Kontext von Alter und Engagement
E56-2 

M. Jänsch; Holzminden

Der Beitrag widmet sich der Frage, unter welchen Bedingungen ältere Menschen und ehrenamtlich Engagierte organisierte Hilfe im Alltag wahrnehmen, aushandeln und gestalten und wie diese Prozesse insbesondere durch biografische Sorge- und Careerfahrungen als auch durch sozialräumlich (nicht) vorhandene Infrastrukturen beeinflusst werden. Auf Grundlage einer rekonstruktiven Studie (Dissertation) zu sozialräumlich organisierten und vermittelten Hilfebeziehungen wird basierend auf qualitativen Hilfepaarinterviews sowie begleitenden Beobachtungen gezeigt, dass Hilfepraxen im Alter nicht nur durch explizite Bedarfe und gesundheitliche Einschränkungen geprägt sind, sondern wesentlich durch die biografische Deutung früherer Sorge- und Hilfeerfahrungen. Hilfebeziehungen entstehen dabei nicht selbstverständlich durch eine pragmatische Passung von Hilfebedarf und -angebot oder durch räumliche Nähe und Nachbarschaft, sondern setzen Reflexion, Beziehungsgestaltung und habituelle Passung voraus, sowohl zwischen den Beteiligten als auch in Bezug auf institutionelle und infrastrukturelle Bedingungen.

Der Beitrag greift zudem theoretische Konzepte aus der Care-Forschung sowie sozialwissenschaftliche Konzepte von Gemeinschaft und Nachbarschaft auf, um zu zeigen, wie gesellschaftliche Vorstellungen über Verlässlichkeit, Sorge und Zugehörigkeit in die Aushandlung von Hilfebeziehungen eingeschrieben sind.

Im Mittelpunkt stehen damit zwei Perspektiven: einerseits die individuellen biografischen Careerfahrungen, die beeinflussen, wie Menschen Hilfebeziehungen im Alter deuten, ermöglichen oder verweigern, und andererseits die sozialräumlichen Bedingungen von Infrastruktur, die diese Prozesse unterstützen oder erschweren. Der Beitrag soll verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit Hilfebedarf und -angebot im Alter ein komplexes Zusammenspiel aus subjektiven sowie kollektiven Deutungen und strukturellen Kontexten ist: mit weitreichenden Implikationen für eine sozialräumliche Gestaltung von Unterstützungsstruktur im Kontext von Alter und Engagement und eine damit verbundene sozialräumliche Bildungsarbeit.

12:10
„Das ist doch gar nicht so schlimm!“ – Care-Arrangements unter Druck: erzwungen aufgesetzt, nicht ernst genommen und von außen gestört
E56-4 

R. Gerlich; Villingen-Schwenningen

Fragestellung: Private Care-Arrangements zeichnen sich dadurch aus, dass nahe Angehörige die Hauptverantwortung für pflegebedürftige Personen übernehmen. Bekannt ist, dass pflegende Angehörige dabei vielfältigen Belastungen ausgesetzt sind. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie sie die Etablierung und Aufrechterhaltung solcher Care-Arrangements erleben – insbesondere unter dem Druck impliziter Erwartungen und externer Interventionen.

Methoden: Ältere Erwachsene berichteten in Gruppendiskussionen von ihrem Erleben mit aktueller oder früherer Angehörigenpflege. Die Gruppendiskussionen wurden mit der Reflexiven Thematic Analysis ausgewertet. Der Fokus wurde dabei auf die soziale Konstruktion der Care-Arrangements und ihrer Deutungsmuster gelegt.

Die Ergebnisse: zeigen, dass sich pflegende Angehörige weniger aus freier Entscheidung als vielmehr durch eine Kombination aus räumlicher Nähe und internalisierten familiären Normerwartungen in ein Care-Arrangement hineingedrängt sehen. Diese Übernahme bleibt meist unhinterfragt – obwohl die Nicht-Freiwilligkeit deutlich artikuliert wird.

Äußern pflegende Angehörige gegenüber Familienmitgliedern, die nicht in das bestehende Care-Arrangement eingebunden sind, dass sie Belastungen ausgesetzt sind, erfahren sie eine Entwertung oder Relativierung („Das ist doch gar nicht so schlimm!“). Selbst Bitten um Hilfe bleiben ungehört.

Externe Eingriffe – etwa gut gemeinte, aber übergriffige Kriseninterventionen – wirken in bestehenden Care-Arrangements wie Störfaktoren, die unter Umständen destabilisierend wirken. Pflegende Angehörige erleben sich in solchen Momenten als machtlos und gleichzeitig moralisch verpflichtet, (übergriffige) Hilfe dankbar anzunehmen – auch wenn diese nicht erwünscht ist.

Zusammenfassung: Care-Arrangements beinhalten nicht nur praktische Aufgaben, sondern auch soziale Rollenerwartungen und moralische Verpflichtungen, die reproduziert werden. Unter diesem Einfluss sozialer Normerwartung entstehen Care-Arrangements und bestehen fort. Erfahrungen von Belastung werden häufig nicht als legitim artikulierbar erlebt. Im Spannungsfeld zwischen innerer Verpflichtung und dem Wunsch nach externer Anerkennung werden belastende Strukturen verfestigt.

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