Donnerstag, 18.09.2025

11:00 - 12:30

05.03.204
(Raum 6)

E16

Alter(n) und Ruhestand

Moderation: C. Vogel, Berlin

11:00
Zugang zur Erwerbsminderungsrente: Alleinstehendsein als Risikofaktor?
E16-1 

A. Lozano Alcantara, L. Romeu-Gordo, J. Simonson, C. Vogel; Berlin, Neubrandenburg

Fragestellung: Die Deutsche Rentenversicherung bewilligt jährlich rund 170.000 Erwerbsminderungsrenten, die Menschen bei Einschränkung ihrer Erwerbsarbeitsfähigkeit nach §43 SGB VI finanziell absichern sollen. Das Risiko einer Erwerbsminderung hängt dabei von verschiedenen, nicht nur individuellen, Faktoren ab. Vor dem Hintergrund der Bedeutung von Partnerschaften für die Gesundheit, der Herausforderungen bei der Beantragung einer Erwerbsminderungsrente und dem wachsenden Anteil von Personen, die nicht in Partnerschaften leben, untersuchen wir, wie der Partnerschaftskontext und wie gegebenenfalls Partnerschaftscharakteristika mit dem Zugang in die Erwerbsminderungsrente zusammenhängen.

Methodik: Auf Basis der aktuellsten verlinkten SOEP-RV-Daten aus dem Jahr 2022 werden Ereignisanalysen für erwerbstätige Personen ab 40 Jahren gerechnet, die es erlauben, verschiedene Risiko- und Schutzfaktoren des Zugangs zur Erwerbsminderungsrente gleichzeitig zu berücksichtigen. Diese einzigartige Datenbasis erlaubt es, den Zugang in die Erwerbsminderungsrente durch Informationen der RV-Daten der Deutschen Rentenversicherung exakt zu identifizieren und darüber hinaus ausführliche Informationen zum Partnerschaftskontext aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) einbeziehen zu können.

Ergebnisse: Es zeigt sich, dass Frauen und Männer, die mit einem Partner/einer Partnerin zusammenleben, eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit für den Zugang in die Erwerbsminderungsrente aufweisen als Alleinstehende. Zudem stehen sowohl ein hohes Bildungsniveau als auch eine Erwerbstätigkeit des Partners/der Partnerin in negativem Zusammenhang mit dem Zugang in die Erwerbsminderungsrente, während der Gesundheitsstatus des Partners/der Partnerin keinen signifikanten Effekt aufweist.

Zusammenfassung: Immer mehr Menschen leben als Alleinstehende, auch im mittleren Lebensalter, in dem die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbsminderung deutlich ansteigt. Offene Forschungsfragen zeichnen sich ab bezüglich der Rolle von Partnerschaften im Prozess der Beantragung von Rehaleistungen und Erwerbsminderungsrenten sowie der sozialstaatlichen Unterstützung von Alleinstehenden mit Erwerbsminderung.

11:20
Wie lange wollen, können und planen ältere Beschäftigte (zu) arbeiten? Eine Untersuchung persönlicher und arbeitsbezogener Einflussfaktoren auf die subjektive Erwerbsperspektive mit Daten der lidA-Studie
E16-2 

N. Garthe, M. Rohrbacher, H. M. Hasselhorn; Wuppertal

Wann und wie ältere Beschäftigte in den Ruhestand gehen, ist das Resultat eines komplexen und individuellen Zusammenspiels vieler Faktoren aus dem Arbeits- und Privatleben. Dies wird im lidA-Denkmodell zu Arbeit, Alter und Erwerbsteilhabe dargestellt (Hasselhorn et al. 2015). Mit diesem als theoretische Grundlage ist es Ziel des Beitrags, den Einfluss verschiedener Faktoren auf die subjektive Erwerbsperspektive (SE) zu untersuchen. Diese beschreibt, wie lange Beschäftigte arbeiten wollen, können und dies planen.

Datengrundlage ist die vierte Welle der repräsentativen lidA-Studie (2022/23). In die Analysen wurden Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte des Geburtsjahrgangs 1965 (n=3158) einbezogen. Mittels linearer Regressionsmodelle wurde der Einfluss der Faktoren Finanzen, Arbeitsfähigkeit, Gesundheit, privates Umfeld und Arbeit auf die SE untersucht. Kontrollvariablen wurden durch Directed Acyclic Graphs ermittelt. Die Analysen wurden nach Geschlecht stratifiziert.

Insgesamt wollen, können und planen ältere Beschäftigte länger (zu) arbeiten, wenn sie sich einen Frühausstieg nicht leisten können, bei höherer Arbeitsfähigkeit, besserer Gesundheit, wenn ihr privates Umfeld einen Frühausstieg nicht befürwortet sowie bei günstigen psychischen Arbeitsbedingungen. Zudem fanden sich Unterschiede in Bezug auf die drei Aspekte der SE und nach Geschlecht. Wie lange die Beschäftigten arbeiten wollen und können ist stärker durch Arbeitsbedingungen, wie physisch belastende Arbeit und Arbeitszeitregelungen, beeinflusst, als die Frage, wie lange sie planen zu arbeiten. Bei letzterem liegen starke Einflussfaktoren, nämlich die Finanzen, die Gesundheit, Partnerschaften und das private Umfeld, eher außerhalb der Arbeit. Stratifizierte Analysen zeigten, dass Männer weniger lange arbeiten können und dies planen, wenn sie eine Person pflegen und höhere emotionale Anforderungen bei der Arbeit haben.

Die Ergebnisse haben praktische Relevanz in Zeiten eines Arbeitskräftemangels. Wenn Betriebe ältere Beschäftigte halten möchten, sollten sie mit diesen frühzeitig in einen Austausch zu einer gemeinsamen Gestaltung der letzten Arbeitsjahre gehen. Ziel könnte es sein, günstigere Arbeitsbedingungen, welche zur Erhaltung der Arbeitsmotivation und -fähigkeit beitragen sowie mit dem Privatleben der Beschäftigten vereinbar sind, zu schaffen. Zudem sollten Beschäftigte, die aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen gezwungen sind länger zu arbeiten, mehr politische Aufmerksamkeit erhalten.

11:40
Keine Transition in Sicht? Das Altern irregulär beschäftigter Haushaltsarbeiter*innen
E16-3 

L. Schmittmann; Dortmund

Wie altern irregulär beschäftigte Haushaltsarbeiter*innen im Kontext ihrer Erwerbsarbeit? Der Beitrag diskutiert das Erleben, Gestalten und Deuten prekärer Lebenslagen älterer Haushaltsarbeiter*innen und wirft einen besonderen Blick auf die Rolle, die Geschlecht und Migration dabei spielen. Im Zentrum steht die Frage nach der subjektiven Bedeutung von Erwerbsarbeit im Alter(n) von Haushaltsarbeiter*innen – und umgekehrt, der Bedeutung des Alter(n)s für ihre Erwerbstätigkeit. Theoretisch stützt sich der Beitrag auf eine um Anerkennung erweiterte Forschungsheuristik von Prekarität im Lebenszusammenhang (Motakef und Wimbauer 2019). Im Zusammendenken mit reflexiver Übergangsforschung (Walther et al. 2020) ermöglicht sie, das (Nicht-)Herstellen von Transitionen in prekären Lebenszusammenhängen über den Lebensverlauf zu rekonstruieren.

Empirisch basiert der Beitrag auf biographischen, fotogestützten (Lutz et al. 2018) Interviews meiner laufenden Studie mit aktuell oder ehemals in Privathaushalten beschäftigten Haushaltsarbeiter*innen ab 65 Jahren. Die interpretative Auswertung (Hitzler et al. 2020) erster Interviews zeigt, dass Haushaltsarbeiter*innen keinen Austritt aus ihrer Erwerbstätigkeit planen. Vielmehr wird ihre Beschäftigung zu ihrer zentralen Anerkennungsquelle. Dabei wird insbesondere im Alter ihre Fragilität sichtbar: Den Erhalt ihrer Lebensführung und Handlungsautonomie knüpfen sie fast ausschließlich an ihre individuelle körperliche Leistungsfähigkeit. Der Erwerbsaustritt erhält für sie damit die Bedeutung konkreter sozialer Verwundbarkeit und gesellschaftlichen Ausschlusses. Mit seinem Fokus auf prekäre Lebenslagen im Alter(n) greift der Beitrag zentrale Fragen des Tagungsschwerpunkts auf und erweitert das Verständnis der subjektiven Verarbeitung sozialer Ungleichheit für die Alter(n)sforschung.

Literatur:

Hitzler, R./Reichertz, J./Schröer, N. (Hg.) (2020): Kritik der Hermeneutischen Wissens­soziologie. Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Lutz, H./Schiebel, M./Tuider, E. (Hg.) (2018): Handbuch Biographieforschung. Wiesbaden: Springer.

Motakef, M./Wimbauer, C. (2019): Prekarität im Lebenszusammenhang – eine um Anerkennung erweiterte Perspektive auf prekäre Erwerbs- und Lebenslagen. Forum Qualitative Sozialforschung, 20(3).

Walther, A./Stauber, B./Rieger-Ladich, M./Wanka, A. (Hg.) (2020): Reflexive Übergangsforschung: Theoretische Grundlagen und methodologische Herausforderungen. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.

12:00
„Was mich belastet? Die Zukunft!“ – Übergänge aus (Langzeit-)Arbeitslosigkeit in die Rente
E16-4 

M. Sporket, L. Buttgereit; Münster

In den letzten Jahrzehnten konnte die Erwerbsquote älterer Menschen zwar gesteigert werden, dennoch bleiben Arbeitslosigkeit und insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe ein zentrales Problem: Rund 40% der langzeitarbeitslosen Menschen in Deutschland sind 50 Jahre oder älter. Viele von ihnen haben kaum noch Chancen auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt (vgl. Kaboth/Brussig 2020). Das Zusammenspiel von höherem Alter und Langzeitarbeitslosigkeit wirkt dabei wie eine doppelte Benachteiligung – mit der Folge, dass der Übergang in die Rente oft direkt aus der Langzeitarbeitslosigkeit erfolgt.

Die Forschung zu Übergängen in den Ruhestand zeigt, dass Faktoren wie Gesundheit, finanzielle Sicherheit, soziale Einbindung, Aktivität und wahrgenommene Kontrolle entscheidend für einen gelingenden Renteneintritt sind. Bei älteren langzeitarbeitslosen Menschen fehlen jedoch häufig diese Ressourcen, was prekäre Übergangsverläufe wahrscheinlicher macht. So zeigt Keck (2022), dass der Anteil derjenigen, die sowohl vor als auch nach dem Renteneintritt auf Grundsicherung angewiesen sind, zwischen 2006–2013 und 2013–2020 von 5% auf 9% gestiegen ist – viele gelangen also gar nicht mehr in den Leistungsbereich der Rentenversicherung.

Zudem offenbaren qualitative Studien, dass Biografien älterer langzeitarbeitsloser Menschen vielfach von gesundheitlichen, finanziellen und familiären Krisen geprägt sind, die sich zu sogenannten Krisenbiografien verdichten und Bewältigungskapazitäten überfordern (vgl. Sporket/Buttgereit 2024). Verstärkend wirken psychosoziale Belastungen wie Einsamkeit, soziale Isolation und erfahrene gesellschaftliche Abwertung durch Arbeitslosigkeit (vgl. Lang & Gross 2019).

Der Beitrag nimmt – auf Basis internationaler Literatur und eigener Interviewstudien – die Chancen und Risiken des Rentenübergangs langzeitarbeitsloser älterer Menschen in den Blick. Neben sozialpolitischen Rahmenbedingungen liegt der Fokus auf möglichen psychosozialen Unterstützungsangeboten zur Gestaltung dieser besonders herausfordernden Übergänge.

Zurück